Gutenberg Research Award 2012 geht an den US-Sprachwissenschaftler Leonard Talmy

Innovativer Sprachtheoretiker und Mitbegründer der sprachwissenschaftlichen Schule der Kognitiven Linguistik erhält Auszeichnung in Mainz

22.05.2012

Das Gutenberg Forschungskolleg (GFK) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) verleiht den diesjährigen Gutenberg Research Award an den international renommierten Sprach- und Kognitionswissenschaftler Professor Leonard Talmy. Leonard Talmy ist einer der innovativsten Sprachwissenschaftler unserer Zeit, Mitbegründer der einflussreichen sprachwissenschaftlichen Schule der Kognitiven Linguistik, einer der führenden Sprachtypologen und ein konsequent interdisziplinär arbeitender Forscher an der Schnittstelle von Sprache und Kognition. Der Gutenberg Research Award 2012 wurde am 21. Mai im Rahmen eines Festakts verliehen. Mit dieser Ehrung setzt das GFK die Praxis der jährlichen Vergabe dieses Preises an herausragende Wissenschaftler fort, die die Graduiertenschule Materials Science in Mainz (MAINZ) vor sechs Jahren begonnen hatte.

Mit Leonard Talmy, Professor emeritus of Linguistics an der State University of New York in Buffalo, ehrt das GFK einen der innovativsten Sprachtheoretiker unserer Zeit, einen außergewöhnlichen Vordenker der Linguistik und kreativen Analytiker. Aufgrund dieser Attribute erfuhr Talmy eine für einen Geisteswissenschaftler höchst bemerkenswerte interdisziplinäre Rezeption, nicht zuletzt in den sog. "Hard Sciences". Er ist einer der führenden Sprachtypologen, gleichzeitig aber auch einer der Gründungsmitglieder und Fellows der Cognitive Science Society. Als einer der "Gründerväter" der Kognitiven Linguistik, die sich weltweit zunehmend zu einem theoretischen Gegengewicht zu Noam Chomskys formal-generativer Linguistik entwickelt hat, beeinflusst er maßgeblich die sprachwissenschaftliche Diskussion. Innerhalb dieses kognitiven Paradigmas etablierte Talmy mit der Kognitiven Semantik sein eigenes wissenschaftliches Profil.

Grundlegend für sein Verständnis von Kognitiver Linguistik ist die Überzeugung, dass die Sprache als ein kognitives System fundamentale Merkmale aufweist, die sie mit anderen kognitiven Systemen wie etwa dem visuellen System des Menschen teilt, aber auch eigenständige, spezifische Eigenschaften und Organisationsprinzipien besitzt. Sprachstrukturen lassen sich somit weder direkt aus der allgemeinen Kognition ableiten, noch ist Sprache ein vollständig autonomes "Modul" in der kognitiven Architektur des Menschen. Daher bezeichnet Leonard Talmy sein integratives Modell als "Overlapping Systems Model of Cognitive Organization". Dies ist eine sehr eigenständige Position, die in ihrer Konsequenz zwar nicht von allen kognitiven Linguisten geteilt wird, sie mag gleichzeitig aber auch erklären, weshalb Talmy von führenden Sprachwissenschaftlern außerhalb des kognitiv-linguistischen Paradigmas und nicht zuletzt von renommierten Entwicklungspsychologen, Fremdsprachenforschern und Philosophen rezipiert und geschätzt wird.

Zu den bekanntesten Arbeiten des Kognitiven Semantikers zählen Studien zur Motion Typology, zur sprachlichen Repräsentation von Raumkonzepten, zu Lexikalisierungsmustern sowie ein mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen kompatibles evolutionsbasiertes Modell der Kompositionalität in der Sprache. Daneben hat Leonard Talmy aber auch Studien zum kognitiven System der Kultur und zur Erzählstruktur veröffentlicht.

Ende der 1980er Jahre eröffnet Leonard Talmy mit seinen Arbeiten zum – in der Sprachwissenschaft bis dato vernachlässigten – sprachlichen Aufmerksamkeitssystem sowie dem für die sprachliche Repräsentation von Kausalität konstitutiven kognitiven System der Kräftedynamik die Diskussion um neue Paradigmen in der Linguistik an der Schnittstelle von Kognition und Sprache, die ihm wiederum eine disziplinenübergreifende internationale Rezeption in Wissenschaften jenseits der Linguistik, etwa in der Physik, beschert.

In den letzten Jahren widmete sich Leonard Talmy verstärkt der Erforschung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten von gesprochener Sprache und gestischer Sprache, so etwa der Frage, inwieweit die gesprochene Sprache eine Unterstützung durch Gesten zwingend erfordert. Hier steht ein Buch mit dem Titel "How Language Aims at a Target: The Cognitive System Underlying Deixis and Anaphora" kurz vor dem Abschluss.

Leonard Talmy wurde in Chicago geboren, erhielt 1963 einen B.A. in Linguistics von der University of California in Berkeley und promovierte dort 1972 mit einer bahnbrechenden Arbeit zu der inzwischen ausgestorbenen Indianersprache Atsugewi, deren letzter "Sprecher" er heute ist. Weitere wissenschaftliche Stationen wurden die Stanford University, wo er am berühmten Universalienprojekt von Joseph Greenberg mitwirkte, und die University of California in San Diego, wo er an den Anfängen der Entwicklung des Konnektionismus beteiligt war. Zurück in Berkeley wurde er der erste Koordinator des neu etablierten "Program in Cognitive Science", 1990 Professor of Linguistics an der State University of Buffalo, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2005 gleichzeitig Direktor des neu errichteten "Center of Cognitive Science" war. Leonard Talmy lebt heute wieder in Berkeley und ist nach wie vor aktives Mitglied der dortigen Cognitive Science und der Linguistic Community.

Zwischen dem Department of English and Linguistics der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Leonard Talmy bestehen seit einigen Jahren enge Verbindungen und Kooperationen. Er hat, abgesehen von intensiven und schon lange andauernden Kontakten zu einzelnen Mitgliedern des Departments, an Habilitationsverfahren des Departments mitgewirkt und hielt 2009 eine Vortragsreihe und verschiedene Seminare; er war Kooperationspartner und Consultant eines Einzelprojekts im Rahmen des interdisziplinären, inneruniversitär geförderten Forschungsprojekts zu "Determinanten sprachlicher Variation". Und auch in diesem Jahr wird Leonard Talmy bald wieder Gast in Mainz sein: Am 16. Juli findet anlässlich seines 70. Geburtstags ein interdisziplinäres Symposium zum Thema "Attention across Disciplines" mit dem bekannten Hirnforscher und Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt am Main, Wolf Singer, und dem renommierten Wiener Städteplaner Georg Franck als weiteren Gastrednern statt.

Diese beeindruckende Liste von Aktivitäten und Errungenschaften in der internationalen Linguistik und Kognitionswissenschaft ist umso bemerkenswerter, wenn man berücksichtigt, dass Leonard Talmy seit Mitte der 1990er Jahre vollständig erblindet ist. Dies hat ihn jedoch nie daran gehindert, bei zahlreichen internationalen Fachkonferenzen immer noch und immer wieder präsent und aktiv zu sein. Sein zweifellos größtes wissenschaftliches Verdienst ist jedoch, dass er es stets verstanden hat, mit jeder neuen Arbeit eine Forschungs-agenda zu eröffnen, die neue theoretische Impulse setzt und fach- und disziplinenübergreifende Diskussionen auslöst, die mehrfach nachhaltige Paradigmenwechsel initiiert haben. Das im Titel seines zweibändigen Hauptwerks "Toward a Cognitive Semantics" verwendete "toward" ist dabei kennzeichnend für Leonard Talmys Bescheidenheit, die ihn als Wissenschaftler und als Mensch auszeichnet und die ihn auch aus diesem Grund zu einem herausragenden Preisträger des Gutenberg Research Award 2012 macht.

 

BILDERGALERIE

Universitätspräsident Univ.-Prof. Dr. Georg Krausch (l.) und GFK-Direktor Univ.-Prof. Dr. Matthias Neubert (r.) gratulieren Sprachwissenschaftler Prof. Leonard Talmy (Mitte) zur Verleihung des Gutenberg Research Award 2012. (Foto: Uwe Feuerbach) (v.l.) Prof. Dr. Günther Lampert vom Department of English and Linguistics der JGU und Prof. Leonard Talmy, Preisträger des Gutenberg Research Award 2012 (Foto: Uwe Feuerbach) (v.l.) Univ.-Prof. Dr. Ulrich Förstermann (Vizepräsident für Forschung an der JGU), GFK-Fellow Prof. Dr. Amparo Acker-Palmer, GFK-Direktor Univ.-Prof. Dr. Matthias Neubert (Foto: Uwe Feuerbach) (v.l.) Univ.-Prof. Dr. Ulrich Förstermann (Vizepräsident für Forschung an der JGU), GFK-Fellow Prof. Dr. Kookheon Char, GFK-Direktor Univ.-Prof. Dr. Matthias Neubert (Foto: Uwe Feuerbach) (v.l.) Univ.-Prof. Dr. Ulrich Förstermann (Vizepräsident für Forschung an der JGU), GFK-Fellow Univ.-Prof. Dr. Jürgen Gauß, GFK-Direktor Univ.-Prof. Dr. Matthias Neubert (Foto: Uwe Feuerbach) (v.l.) Univ.-Prof. Dr. Ulrich Förstermann (Vizepräsident für Forschung an der JGU), GFK-Fellow Dr. Anu Korhonen, GFK-Direktor Univ.-Prof. Dr. Matthias Neubert (Foto: Uwe Feuerbach) (v.l.) Univ.-Prof. Dr. Ulrich Förstermann (Vizepräsident für Forschung an der JGU), GFK-Fellow Prof. Dr. William Marciano, GFK-Direktor Univ.-Prof. Dr. Matthias Neubert (Foto: Uwe Feuerbach) (v.l.) Univ.-Prof. Dr. Ulrich Förstermann (Vizepräsident für Forschung an der JGU), GFK-Fellow Prof. Dr. Axel H. E. Müller, GFK-Direktor Univ.-Prof. Dr. Matthias Neubert (Foto: Uwe Feuerbach) (v.l.) Univ.-Prof. Dr. Ulrich Förstermann (Vizepräsident für Forschung an der JGU), GFK-Fellow Prof. Dr. Vera Nünning, GFK-Direktor Univ.-Prof. Dr. Matthias Neubert (Foto: Uwe Feuerbach) (v.l.) Univ.-Prof. Dr. Ulrich Förstermann (Vizepräsident für Forschung an der JGU), GFK-Fellow Prof. Dr. Hugo ten Cate, GFK-Direktor Univ.-Prof. Dr. Matthias Neubert (Foto: Uwe Feuerbach) (v.l.) Univ.-Prof. Dr. Ulrich Förstermann (Vizepräsident für Forschung an der JGU), GFK-Fellow Prof. Dr. Harco Willems, GFK-Direktor Univ.-Prof. Dr. Matthias Neubert (Foto: Uwe Feuerbach) (v.l.) GFK-Direktor Univ.-Prof. Dr. Matthias Neubert, Vizepräsident Univ.-Prof. Dr. Ulrich Förstermann und Universitätspräsident Univ.-Prof. Dr. Georg Krausch (r.) mit Prof. Leonard Talmy und den GFK-Fellows 2012 (Foto: Uwe Feuerbach)