Wissenschaftler der Universitätsmedizin Mainz entdecken vor Multiple Sklerose schützende Immunzellen

Dendritische Zellen können Autoimmunreaktion mildern / Neubewertung von Therapiekonzepten

23.08.2012

Multiple Sklerose (MS) ist eine der häufigsten Erkrankungen des Nervensystems bei jungen Erwachsenen. Allein in Deutschland sind derzeit mehr als 120.000 Menschen betroffen. Bei der Krankheit greift das körpereigene Immunsystem Nervenzellen im Gehirn oder im Rückenmark an. Je nach Ausprägung der Krankheit haben Betroffene Probleme in der Koordination von Bewegungsabläufen, leiden unter Muskelschwäche oder Sehstörungen. Von bestimmten Zellen des Immunsystems, den sogenannten dendritischen Zellen, dachte man bislang, dass sie zum Ausbruch und zur Entwicklung von MS beitrügen. Forschungsergebnisse, die Wissenschaftler der Universitätsmedizin Mainz in der aktuellen Ausgabe des Magazins Immunity publiziert haben, legen nun das Gegenteil nahe: Die dendritischen Zellen haben eher eine Schutzfunktion. Diese Erkenntnis könnte auch Einfluss auf zukünftige Therapiekonzepte haben.

Bei Autoimmunkrankheiten wie Multiple Sklerose kann das Immunsystem als körpereigenes Abwehrsystem nicht mehr zwischen "eigen" und "fremd" unterscheiden. Als Konsequenz richtet das Immunsystem seine Abwehr gegen köpereigenes Gewebe – mit fatalen Folgen. "In unserer aktuellen Arbeit konnten wir im Mausmodell zeigen, dass dendritische Zellen diese Autoimmunreaktion mildern", erläutert Prof. Dr. Ari Waisman, Leiter des Instituts für Molekulare Medizin der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. "Die Injektion dendritischer Zellen könnte somit als Therapie genutzt werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Behandlungsansatz über die Krankheit MS hinaus auch auf andere Autoimmunkrankheiten, wie zum Beispiel chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und Psoriasis, Anwendung finden wird."

Bei einer der menschlichen Multiplen Sklerose ähnlichen Erkrankung im Tiermodell, der Experimentellen Autoimmunen Enzephalomyelitis (EAE), können bestimmte Immunzellen, sogenannte T-Zellen, die Erkrankung auslösen, nachdem sie von anderen Immunzellen, den sogenannten Antigen-präsentierenden Zellen (APCs), aktiviert wurden. Dendritische Zellen sind solche APCs und damit fähig, T-Zellen zu aktivieren. Bislang war jedoch nicht bekannt, ob die dendritischen Zellen diejenigen APCs sind, die EAE auslösen können.

In der neuen Studie haben Prof. Dr. Ari Waisman und sein Forscherteam genetische Methoden angewendet, um im Mausmodell die Anzahl dendritischer Zellen zu verringern. Überraschenderweise waren die Mäuse weiterhin empfänglich für EAE und die Krankheit konnte sich sogar noch stärker entwickeln. Dies deuteten die Forscher als Hinweis darauf, dass dendritische Zellen nicht diejenigen Zellen sind, die die Entstehung von EAE triggern, und dass andere APCs diejenigen T-Zellen stimulieren, die die Krankheit auslösen. Die Wissenschaftler fanden zudem heraus, dass die dendritischen Zellen die Reaktionsfreudigkeit der T-Zellen reduzieren sowie für eine geringere EAE-Anfälligkeit sorgen, indem sie die Expression von PD-1 Rezeptoren (programmed death-1-receptor) in T-Zellen steigern.

"Die Reduktion von dendritischen Zellen kippt das von den T-Zellen vermittelte Gleichgewicht der Autoimmunität", erläutert Dr. Nir Yogev, Erstautor der Studie und Mitarbeiter am Institut für Molekulare Medizin der Universitätsmedizin Mainz. "Unsere Forschungsergebnisse legen nahe, dass die dendritischen Zellen das Immunsystem in Schach halten. Demnach könnte deren Transfer in MS-Patienten als effektiver therapeutischer Eingriff in den Krankheitsverlauf dienen."

Prof. Dr. Ari Waisman ist Mitglied im Krankheitsbezogenen Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS), das die Studie im Rahmen seiner Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt hat.