Bundesweit einzigartige Datenbank erfasst mittelalterliche Handschriften in Rheinland-Pfalz mit vielen bisher unbekannten Schätzen

Handschriftencensus Rheinland-Pfalz online verfügbar

25.04.2013

In den Bibliotheken, Archiven und Museen in Rheinland-Pfalz lagern heute noch etwa 3.100 mittelalterliche Handschriften. Da jedes handgeschriebene mittelalterliche Buch ein Unikat mit eigenständiger Gestaltung und Textauswahl ist und zudem seine eigene, oft sehr aufschlussreiche Geschichte mit sich bringt, ist die wissenschaftliche Katalogisierung mittelalterlicher Bestände sehr aufwendig. Abgesehen davon, dass nicht immer die nötigen Finanzmittel für eine solche Tiefenerschließung zur Verfügung stehen, dauern entsprechende Projekte bei einer Bearbeitungsgeschwindigkeit von 20 bis höchstens 50 Handschriften pro Jahr sehr lange. Um in möglichst kurzer Zeit wenigstens einen Überblick über die Bestände in den 23 kleineren und mittleren handschriftenbesitzenden Institutionen in Rheinland-Pfalz zu gewinnen, haben das Deutsche Institut und die Universitätsbibliothek der Johannes Gutenberg-Universität Mainz mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) seit Mai 2010 eine Datenbank für diese Sammlungen aufgebaut. Fast 500 Bücher wurden darin erfasst, indem der Bearbeiter entweder zu den Büchern reiste oder interne Beschreibungen der Institutionen auswertete. Ab sofort sind 250 Beschreibungen online einsehbar. Bis Mitte 2013 soll die Datenbank vollständig abfragbar sein. Damit erhält Rheinland-Pfalz als erstes Bundesland überhaupt einen solchen über das Internet benutzbaren Katalog der kleineren Bestände. Darüber hinaus bietet die Online-Datenbank auch weiterführende Informationen zu allen anderen Bibliotheken und Archiven in Rheinland-Pfalz, die Handschriften besitzen.

Bei der Beschreibung der Bücher mussten Methoden unterschiedlichster Disziplinen angewandt werden, etwa der germanistischen Sprachwissenschaft zur Herkunftsbestimmung deutscher Texte, der Paläographie zur Altersbestimmung von Schriften, der Liturgiewissenschaft zur Herkunftsbestimmung der fast immer aus Klöstern und Stiften stammenden Handschriften und der Kunstgeschichte zur Einordnung des Buchschmucks. Erfasst wurden Handschriften auf Pergament und Papier aus dem Zeitraum zwischen 750 und 1540 n. Chr., die auf Latein, Deutsch, Italienisch und in einem Fall sogar Katalanisch niedergeschrieben wurden. Durch die Erfassung ist jetzt auch eine Vielzahl unbekannter oder wenig bekannter Schätze zum Vorschein gekommen. So wurden in der StadtBibliothek Koblenz ein winziges Gebetbuch mit Miniaturen aus dem 14. Jahrhundert und eine Handschrift für den Leiter des Stundengebets in der Trierer Abtei St. Maximin im Census erstmals erfasst. Ebenso gibt es jetzt eine Beschreibung eines ins Deutsche übersetzten Psalters in der Stadtbibliothek Worms sowie des prachtvoll illustrierten Breviers des 1484 jung verstorbenen Mainzer Elekten Adalbert von Sachsen, das der Universitätsbibliothek Mainz gehört. In der Martinus-Bibliothek in Mainz wurde sogar ein kleines Gebetbuch entdeckt, das zwar noch ganz die mittelalterliche Frömmigkeit pflegt, aber sozusagen in der letzten Stunde des Mittelalters entstand, denn nach einer Notiz des Schreibers wurde es am Silvesterabend des Jahres 1523 im Lübecker Burgkloster beendet, das nur kurz darauf im Zuge der Reformation aufgelöst wurde.