Deutsche Forschungsgemeinschaft bewilligt Graduiertenkolleg zu Grenzerfahrungen menschlichen Lebens

Neues Graduiertenkolleg untersucht Grenzerfahrungen zwischen biomedizinischer Erklärung und lebensweltlicher Erfahrung

14.11.2013

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) richtet an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) ein neues Graduiertenkolleg ein. Das interdisziplinäre Kolleg beleuchtet die Frage, wie die neuen Möglichkeiten der Biomedizin zu Grenzerfahrungen des menschlichen Lebens führen. Konkret geht es beispielsweise um Fragestellungen, die die technologisch assistierte Reproduktion oder das intensivmedizinisch begleitete Sterben betreffen. Das Graduiertenkolleg "Life Sciences, Life Writing: Grenzerfahrungen menschlichen Lebens zwischen biomedizinischer Erklärung und lebensweltlicher Erfahrung" bietet 12 Doktorandinnen und Doktoranden ab April 2014 ein strukturiertes Forschungs- und Ausbildungsprogramm, in dem sie sich qualifizieren und früh wissenschaftliche Selbstständigkeit erlangen können. Die DFG fördert das Graduiertenkolleg zunächst für viereinhalb Jahre mit rund zwei Millionen Euro.

"Wir wollen in diesem Graduiertenkolleg den naturwissenschaftlich-medizinischen Forschungsblick auf Grenzerfahrungen menschlichen Lebens um die Dimension der lebensweltlichen Erfahrung erweitern, wie ihn die Geistes- und Kulturwissenschaften untersuchen. Davon versprechen wir uns alternative Blickweisen auf den Menschen", so der Sprecher des neuen Graduiertenkollegs und zugleich Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universitätsmedizin Mainz, Prof. Dr. Norbert W. Paul. Schwerpunkte der Arbeit sind Grenzerfahrungen auf dem Gebiet der Körperlichkeit wie etwa bei Essstörungen, bezüglich Fähigkeiten, zu denen etwa die Fähigkeit zur sozialen Teilhabe bei posttraumatische Belastungsstörungen zählen, oder hinsichtlich zeitlicher Dimensionen, worunter die Frühgeburtlichkeit in ihren lebenslangen Auswirkungen fällt.

Ziel des Graduiertenkollegs ist die Entwicklung gemeinsamer methodischer Zugänge zu menschlichen Grenzerfahrungen an den Schnittstellen von Medizin, Individuum und Gesellschaft. "Für den wissenschaftlichen Nachwuchs ist das Graduiertenkolleg eine Plattform, um im Spannungsfeld zwischen biomedizinischen Erklärungen und lebensweltlichen Dimensionen das zu erforschen, was wir als Grenzerfahrungen des menschlichen Lebens bezeichnen. Eine solche Grenzerfahrung ist beispielsweise das intensivmedizinisch begleitete Sterben", unterstreicht Paul.

Für das strukturierte Forschungs- und Ausbildungsprogramm werden Graduierten- und Postgraduiertenstipendien in einem kompetitiven Verfahren vergeben. Erfolgreichen Bewerbern aus den Naturwissenschaften, der Medizin und den Geistes- und Kulturwissenschaften winkt die gemeinsame Betreuung durch einen Vertreter von Biomedizin/Life Sciences sowie Life Writing/Geistes- und Kulturwissenschaften.

Am neuen Graduiertenkolleg sind neben dem Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin und dem Forschungs- und Lehrbereich Amerikanistik die Studienfächer Kulturanthropologie, Pharmazeutische Biologie, Molekularbiologie, Psychosomatik und Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie das Institut für Molekulare Biologie (IMB) beteiligt. "Unser gemeinsames Ziel ist es, für den klinischen Bereich komplementäre Sichtweisen zu den lebensweltlichen Dimensionen des Handelns zu schaffen und den Geistes- und Kulturwissenschaften im Sinne einer stärkeren Handlungsorientierung Zugänge zu faktisch gegebenen Praktiken in Forschung und Versorgung zu eröffnen", erklärt Prof. Dr. Mita Banerjee, Co-Sprecherin des Graduiertenkollegs und Professorin für American Studies am Department of English and Linguistics der JGU.

"Die Einrichtung des interdisziplinären Graduiertenkollegs 'Life Sciences, Life Writing' unterstreicht einmal mehr die Bedeutung, die die Johannes Gutenberg-Universität Mainz der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses beimisst – und das über Fächergrenzen hinweg", betont der Präsident der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Prof. Dr. Georg Krausch. "Dieses Graduiertenkolleg ist ein hervorragendes Beispiel für eine gewinnbringende Zusammenarbeit des Fachbereichs Universitätsmedizin mit den Geistes- und Kulturwissenschaften der JGU", ergänzt der Wissenschaftliche Vorstand der Universitätsmedizin Mainz, Prof. Dr. Ulrich Förstermann.

Spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts sind die Lebenswissenschaften zentral für unser Verständnis von der Welt und dafür, was es bedeutet, Mensch zu sein. Die Einbettung des Menschen in einen soziokulturellen Kontext einerseits und in eine Sphäre der Materialität andererseits hat historisch die Differenzierung der Wissenschaften in Natur- und Geisteswissenschaften, später die Lebenswissenschaften, Sozial- und Kulturwissenschaften beflügelt. In der Biomedizin, die mit wissenschaftlichen Methoden das menschliche Leben erklärt und erhält, hat sich aus der Suche nach rationalen Begründungen für Entscheiden und Handeln ein deutlicher Fokus auf naturwissenschaftliche Erklärungsmodelle als dominante Perspektive auf den Menschen als Organismus ergeben. Im Kontrast dazu haben sich die Geistes- und Kulturwissenschaften ebenfalls seit etwa Mitte des 20. Jahrhunderts verstärkt mit der Rolle des Individuums und seiner vielfältigen Zugänge zur Welt befasst.