Forschungsprojekt untersucht Entwicklung der Dobrudschadeutschen und ihre Verbindung zu Nachbarkulturen

Historiker Josef Sallanz erforscht wenig beachtete Minderheit / Förderung durch Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien

11.02.2014

Etwa 100 Jahre lang hatten die Dobrudschadeutschen einen Küstenstreifen am Schwarzen Meer besiedelt, bevor sie 1940 zur Umsiedlung aufgefordert wurden und das Land bis auf wenige Leute verließen. Mit der Geschichte der deutschen Volksgruppe, die bis zu 15.000 Personen zählte, befasst sich ein neues Forschungsprojekt an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Am Arbeitsbereich Osteuropäische Geschichte wird sich Dr. Josef Sallanz mit dem Thema "Deutsche und ihre Nachbarn in der Dobrudscha. Zu den Verflechtungen ethnischer Gruppen zwischen Donau und Schwarzem Meer" beschäftigen. Das Projekt hat eine Laufzeit von 14 Monaten und wird vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien finanziell gefördert.

Im Fokus des Forschungsvorhabens werden Fragen nach der soziokulturellen Entwicklung der Dobrudschadeutschen sowie dem Austausch mit den anderen ethnischen Gruppen in der Dobrudscha stehen. Dabei wird auch auf die Beziehungen der Dobrudschadeutschen zum Osmanischen Reich und zu Rumänien eingegangen. Damit soll versucht werden, die Lücken über die soziokulturelle Evolution einer bislang wenig beachteten Minderheitengruppe im östlichen Europa und ihre Verbindungen zu den Nachbarkulturen zu schließen. Das Thema beleuchtet nicht nur das Zusammenleben im Alltag in einer von Vielfalt geprägten historischen Region, die immer wieder von gesellschaftspolitischen Umbrüchen gekennzeichnet war. Auch übergreifenden Fragen von Migration, kultureller Prägung und Identität wird nachgegangen.

Die ersten deutschen Siedler kamen um 1840 vor allem aus Bessarabien und den südrussischen Gouvernements Cherson, Ekaterinoslav und Taurien in die damals osmanische Dobrudscha. Sie lebten in ihren Siedlungen vor allem mit Tataren und Türken, aber auch mit Rumänen, Bulgaren und Roma zusammen. Zwar konzentrierten sich die Deutschen der Dobrudscha meistens in eigenen Dorfvierteln, doch kam es trotzdem zu Wechselwirkungen mit den Nachbarkulturen, was in der Forschungsarbeit genauer untersucht werden soll.

Nach dem Anschluss der Dobrudscha an Rumänien 1878 ging die Zuwanderung von Deutschen in die Dobrudscha aus dem Norden weiter. Die zweite Wanderungswelle von deutschen Siedlern in die Dobrudscha begann noch zu osmanischer Zeit 1873 und reichte bis 1883, als die Region bereits einige Jahre rumänisch war. Eine dritte Einwanderungsperiode wird auf die Jahre 1890/91 datiert. Nachdem das Land besonders ab den 1890er Jahren eine intensive Rumänisierungspolitik verfolgte, wird sich das neue Forschungsvorhaben insbesondere auch mit der Frage befassen, welche Auswirkungen diese Politik auf die interethnischen Beziehungen hatte.

Das politische Leben der Dobrudschadeutschen jener Zeit war außerordentlich schwach entwickelt. So schlossen sich die Dobrudschadeutschen erst 1931 den politischen Strukturen der deutschen Minderheit in Großrumänien an. Die ökonomische und kulturelle Situation der Dobrudschadeutschen ließ besonders bei der landlosen Bevölkerung den Wunsch nach Umsiedlung reifen, sodass der Gauobmann Johannes Klukas mit seiner Politik des "Heim ins Reich" kaum Schwierigkeiten begegnete. Wie die Dobrudschadeutschen die Brüche von Umsiedlung, Flucht und Neubeginn tatsächlich verarbeitet haben, wird Sallanz im Einzelnen untersuchen. Der Historiker nimmt außerdem die Lebenslage der nach 1945 in Rumänien und Bulgarien verbliebenen kleinen Gruppe der Dobrudschadeutschen in den Blick.

Das Projekt profitiert von den an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz vorhandenen historischen, kulturellen, literarischen und sprachlichen Rumänien-Kompetenzen, die dadurch ausgebaut und vertieft werden. Die bereits auf eine längere Tradition zurückblickende historische Beschäftigung mit der Geschichte der Donau-Karpaten-Schwarzmeerregion im Arbeitsbereich Osteuropäische Geschichte des Historischen Seminars wird außerdem seit Kurzem ergänzt. Vor knapp einem Jahr konnte nämlich am Romanischen Seminar der JGU ein Lektorat für rumänische Sprache und Kultur eingerichtet werden, in dessen Rahmen Rumänisch-Sprachkurse für Anfänger und Fortgeschrittene angeboten werden. Ab dem Sommersemester 2014 wird das Angebot um einen historisch-literarischen Lektürekurs ergänzt.