Europaweit erstes Zentrum zur Resilienzforschung entsteht in Mainz

Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Universitätsmedizin gründen Deutsches Resilienz-Zentrum Mainz

31.07.2014

Das Forschungszentrum Translationale Neurowissenschaften (FTN) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) hat sich die Erforschung der Resilienz, eine Art "seelischer Widerstandskraft", zum Ziel gesetzt und alle Kompetenzen im Deutschen Resilienz-Zentrum Mainz (DRZ) gebündelt. In dieser neuen, fachübergreifenden Einrichtung der JGU werden Neurowissenschaftler, Mediziner, Psychologen und Sozialwissenschaftler zusammenarbeiten. Das DRZ schließt eine wichtige Lücke in der deutschen Forschungslandschaft und ist europaweit das erste Zentrum dieser Art.

Bei der Entstehung vieler psychischer Erkrankungen wie Depression, Angst oder Sucht spielen Stress, traumatische Ereignisse oder belastende Lebensumstände eine wesentliche Rolle. Doch nicht jeder Mensch, der mit solchen Belastungen konfrontiert wird, entwickelt eine psychische Erkrankung. Die jedem Menschen innewohnende "seelische Widerstandskraft" oder Resilienz hilft, Herausforderungen, Belastungen und schwierige Situationen wirkungsvoll zu meistern und dabei mental gesund zu bleiben. Die Tatsache, dass einige Menschen nicht oder nur kurzfristig erkranken, obwohl sie großen psychischen oder physischen Belastungen ausgesetzt sind, lässt vermuten, dass protektive Mechanismen, also Schutz- und Selbstheilungskräfte, existieren, die die Entwicklung von stressbedingten Erkrankungen verhindern. Im neu gegründeten Deutschen Resilienz-Zentrum Mainz wollen die beteiligten Wissenschaftler solche Mechanismen, die verhindern, dass Menschen auf Stress mit einer psychischen Beeinträchtigung beziehungsweise Erkrankung reagieren, entschlüsseln. Die bisher bekannten protektiven Faktoren wie beispielsweise eine gut funktionierende Emotionsregulation und Impulskontrolle sollen auf neurobiologischer Ebene untersucht werden, um die zugrunde liegenden Mechanismen besser zu verstehen und daraus präventive Maßnahmen ableiten zu können.

"Das neue Zentrum wird in einem nicht nur wissenschaftlich, sondern auch gesellschaftlich und ökonomisch sehr bedeutsamen Bereich aktiv", unterstreicht die Ministerin für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz, Doris Ahnen, die Bedeutung des DRZ. "Gerade in einer Zeit, in der das Tempo der technischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen sehr hoch ist und viele Menschen über zunehmenden Stress klagen, ist die Erforschung der Ursachen psychischer Erkrankungen und die Entwicklung präventiver Konzepte gegen solche Erkrankungen von besonderer Bedeutung. Zudem ist das neue Zentrum nicht nur ein herausragender Meilenstein in der weiteren Entwicklung der Lebenswissenschaften an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, sondern es dient auch der weiteren Profilierung des Forschungsstandorts Mainz, die sich, auch mit Unterstützung durch die Forschungsinitiative des Landes, auf einem sehr guten Weg befindet."

"Fachübergreifende Schwerpunktsetzung, gespeist aus der fachlichen Vielfalt einer Volluniversität, und ein klares Bekenntnis zur Exzellenz: Die interdisziplinäre Vernetzung kennzeichnet die Spitzenforschungsbereiche an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz – wie im Fall des Deutschen Resilienz-Zentrums Mainz, das zur weiteren Schärfung des Forschungsprofils unserer Universität im nationalen und internationalen Wettbewerb erheblich beitragen wird", erklärt der Präsident der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Prof. Dr. Georg Krausch. "Zudem wird das Deutsche Resilienz-Zentrum den Wissenstransfer aktueller Forschungserkenntnisse über konkrete Projekte und Maßnahmen in die Gesellschaft befördern und auf diese Weise zu einer neuen Qualität der Lebenssituation vieler Bürgerinnen und Bürger beitragen."

"Das DRZ wird ein wichtiges Standbein unseres Forschungszentrums Translationale Neurowissenschaften werden", betont der Wissenschaftliche Vorstand der Universitätsmedizin Mainz, Prof. Dr. Ulrich Förstermann. "Da es bisher keine etablierte Resilienzforschung in Deutschland gibt, ist dies ein bedeutendes Alleinstellungsmerkmal innerhalb unseres Forschungsprofils und wird zu einer großen nationalen wie internationalen Sichtbarkeit führen."

Verstehen, Vorbeugen, Verändern – diese drei Bereiche bilden das Kernprofil des DRZ. "Wir wollen verstehen, welche Vorgänge im Gehirn Menschen dazu befähigen, sich gegen die schädlichen Auswirkungen von Stress und belastenden Lebensereignissen zu schützen und wie diese Schutzmechanismen gezielt gefördert und verstärkt werden können. Diese Erkenntnisse zu nutzen, um psychischen Problemen vorzubeugen, stellt einen Paradigmenwechsel dar, denn bisher konzentriert sich die klinische Forschung in Psychologie und Psychiatrie vorwiegend auf die Erforschung von Krankheiten", erläutert Prof. Dr. Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und stellvertretender Sprecher des DRZ, das Konzept des neuen Zentrums. "Die enge Verbindung der Forschung auf höchstem internationalen Niveau mit der unmittelbaren Umsetzung neuester Erkenntnisse in die klinische und gesellschaftliche Praxis in einer universitären Struktur soll den Umgang von Betroffenen mit Stress und psychischen Erkrankungen verändern und eine seriöse Anlaufstelle für Wissenschaftler, Kliniker, Journalisten, Entscheidungsträger in Gesellschaft und Politik sowie Betroffene zu Fragen von Stress und Resilienz bieten. Ziel des DRZ ist also nicht lediglich die Förderung von Forschung und Versorgung. Wir beabsichtigen darüber hinaus eine breite Wirkung in die Gesellschaft hinein."

So sollen beispielsweise im Zuge des Mainzer Resilienz-Projekts (MARP) und der Gutenberg Brain Study (GBS) junge, gesunde Studienteilnehmer rekrutiert und über mehrere Jahre begleitet werden, um ihre psychische Gesundheit und Stressfaktoren, denen sie im Laufe der Jahre ausgesetzt sind, zu erfassen. Dadurch sollen Eigenschaften des Gehirns und geistige Fähigkeiten identifiziert werden, die wichtige Schutzmechanismen darstellen. Auf Basis dieser Erkenntnisse sollen effektive Präventionsprogramme entwickelt werden, die das individuelle Leid sowie ökonomische und soziale Kosten reduzieren.