Namenforschung untersucht Status von "Döner-Morde" versus "NSU-Morde"

Bezeichnungen für rechtsterroristische Mordserie haben Status von Ereignisnamen wie Arabischer Frühling oder Erster Weltkrieg erreicht

20.08.2014

Der NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht ist ständig in den Schlagzeilen und damit auch der Begriff "NSU-Morde", während von "Döner-Morden" kaum noch gesprochen wird. Die zwei konkurrierenden Bezeichnungen für die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) haben allerdings beide in relativ kurzer Zeit den Status von Ereignisnamen erlangt. Sie stellen also Eigennamen wie Arabischer Frühling oder Erster Weltkrieg dar, mit denen einfach und gezielt auf wichtige Ereignisse verwiesen werden kann. Wie es zum Namenstatus von "Döner-Morde" und "NSU-Morde" gekommen ist, hat die Mainzer Namenforscherin Sara Tinnemeyer untersucht.

Die Bezeichnung "Döner-Morde" nutzten seit 2006 fast alle deutschen Medien, um die bundesweite, zwischen 2000 und 2006 verübte Mordserie an neun Kleinunternehmern mit türkischem und griechischem Migrationshintergrund zu bezeichnen. Zuweilen zählt auch der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter im Jahr 2007 zu den "Döner-Morden". Im Jahr 2011 wurde "Döner-Morde" zum Unwort des Jahres gewählt, weil "mit der sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung einer rechtsterroristischen Mordserie" ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und die Opfer selbst in höchstem Maße diskriminiert werden. Mit den im November 2011 gewonnenen Erkenntnissen über die Hintergründe der Morde begann dann die Entwicklung eines neuen Ereignisnamens: "die NSU-Morde".

"Es gibt bestimmte Kriterien, denen ein Eigenname im Idealfall entspricht", erklärt Sara Tinnemeyer zu ihrer Untersuchung, die sie im September 2014 bei einer Konferenz von Namenforschern in Mainz vorstellen wird. Diese Kriterien, etwa zur Grammatik, Numerusfestigkeit und semantischen Passfähigkeit, hat sie auf die beiden Begriffe angewandt und festgestellt, dass eine sehr starke Proprialisierung vorliegt, sich die beiden Begriffe also in einem weitreichenden Maße zu Eigennamen entwickelt haben. "Die Untersuchungen zu 'die Döner-Morde' und zu 'die NSU-Morde' haben ähnliche Ergebnisse erzielt, sodass beide Ausdrücke in etwa gleich stark proprialisiert sind", erläutert Tinnemeyer. Sie geht jedoch davon aus, dass dies nicht so bleiben wird. Seit der Wahl zum Unwort des Jahrs 2011 taucht "die Döner-Morde" immer seltener auf, ein weiterer Rückgang in der Verwendung ist zu erwarten. Somit ist eine Entwicklung zum hundertprozentigen Eigennamen unwahrscheinlich.

Im Gegensatz dazu hat Tinnemeyer für 2013 bereits zehnmal mehr Belege für "die NSU-Morde" gefunden als für "die Döner-Morde". Zudem werden neue Wortbildungen, die im Zusammenhang mit der Mordserie entstehen, mit "NSU" und nicht mit "Döner" gebildet, zum Beispiel die Bezeichnung "NSU-Prozess", weshalb der Namenstatus in Zukunft wahrscheinlich noch weiter gefestigt wird.

Vom 15. bis 17. September 2014 veranstaltet die Mainzer Namenforschung eine Tagung mit dem Titel "Stiefkinder der Onomastik" an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. In rund 30 Beiträgen werden Referenten und Referentinnen aus dem In- und Ausland drei Tage lang wenig erforschte Namenklassen in den Mittelpunkt rücken.