Wissenschaftliche Studie untersucht Einfluss von Möblierung auf Wahrnehmung von Raumgröße und Geräumigkeit

Möblierte Räume wirken nicht unbedingt geräumiger

22.01.2015

Ob Möblierung einen Raum größer oder geräumiger erscheinen lässt, kann nicht so ohne Weiteres gesagt werden. Während oft die Ansicht vertreten wird, ein möblierter Raum mache im Vergleich zu einem unmöblierten Raum einen größeren Eindruck, haben Wissenschaftler der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) diese Vermutung nicht bestätigen können. "Unsere Studie zeigt, dass die Beziehung zwischen der Wahrnehmung von Innenräumen und der Möblierung wesentlich komplexer ist als gedacht", sagt Christoph Freiherr von Castell vom Psychologischen Institut der JGU. Obwohl die Innenraumgestaltung ein großes Thema ist, gibt es dazu kaum wissenschaftliche Belege. In zwei Studien mit insgesamt 120 Teilnehmern wurde systematisch untersucht, wie sich Objekte in einem Raum auf die wahrgenommene Raumgröße auswirken. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass möblierte Räume als höher, aber auch als weniger geräumig empfunden werden.

In Zeitschriften über Architektur oder Innenarchitektur ebenso wie in Lehr- und Sachbüchern finden sich zahlreiche Ratschläge für die Einrichtung von großen und kleinen Räumen: Helle Objekte vor einer dunklen Wand würden als leichter wahrgenommen, wohingegen dunkle Objekte vor einer hellen Wand schwer erschienen. Dunkle und schwere Möbel seien für kleine Räume ungeeignet. Flache, minimalistische Einrichtungen, wie man sie von japanischen Wohnungen kennt, ließen einen Raum größer wirken. Große Möbel sollten an Wänden platziert werden, um kleine Räume größer erscheinen zu lassen. Jeder Raum brauche, so eine weitere Theorie, zumindest ein großes Möbelstück als Blickfang.

"Leider fehlt für praktisch all diese detaillierten Empfehlungen der empirische Nachweis", so Christoph Freiherr von Castell. In zwei Experimenten sind er und seine Kollegen der Frage nachgegangen, ob sich möblierte von unmöblierten Innenräumen hinsichtlich der wahrgenommenen Ausdehnung der Raumdimensionen, also in Breite, Tiefe und Höhe, und der erlebten Geräumigkeit unterscheiden. Das erste Experiment erfolgte mit einem Raummodell, das einen quadratischen Raum im Verhältnis 1:10 darstellt und durch eine Sichtöffnung zu betrachten ist. Eine Möblierung hat sich in diesem Experiment sowohl auf die wahrgenommenen Höhe als auch die Bewertung der Geräumigkeit ausgewirkt, wobei die Versuchspersonen den möblierten Raum als höher, aber weniger geräumig empfunden haben. Im zweiten Experiment wurde eine virtuelle Realität-Umgebung (VR) mit verschiedenen Raumgrößen geschaffen. Ob diese Räume möbliert oder unmöbliert waren, spielte in der VR-Umgebung für die Wahrnehmung der Raumdimensionen oder der Geräumigkeit keine Rolle.

"Wir können auf jeden Fall davon ausgehen, dass unsere Wahrnehmung der Raumdimensionen nicht mit der Empfindung von Geräumigkeit übereinstimmen muss", fasst Christoph Freiherr von Castell die Ergebnisse zusammen. Ein großer Raum wirkt also nicht unbedingt auch geräumig. Auch die Möblierung eines Raumes lässt ihn wohl nicht geräumiger wirken, sondern im Gegenteil eher etwas weniger geräumig. "Die Frage, ob Möblierung die wahrgenommene Größe erhöht, zum Beispiel beim Angebot einer Mietwohnung, ist nicht einfach mit Ja oder Nein zu beantworten, sondern ist wesentlich abhängig von der Interaktion zwischen Raum und der Art der Möbel."