Metastudie zeigt verändertes Zeitempfinden bei Menschen mit Depression

Psychologen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ermitteln Unterschiede zwischen subjektiver Einschätzung des Zeitflusses und Schätzung konkreter Zeitintervalle bei depressiven Probanden

03.03.2015

Wie schnell die Zeit vergeht, ist eine außerordentlich subjektive Einschätzung und hängt meist von der jeweiligen Situation ab, also ob man beispielsweise auf etwas wartet oder im Gegenteil eine Frist näher rückt. Allerdings scheinen depressive Menschen grundsätzlich ein anderes Zeitempfinden zu haben als gesunde. Darauf deuten Aussagen von Patienten hin, wonach ihnen die Zeit quälend langsam vergeht oder gar stillzustehen scheint. In einer sogenannten Metastudie haben Psychologen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) nun die zu dieser Frage vorliegenden relevanten wissenschaftlichen Untersuchungen zusammengetragen und ausgewertet. Im Ergebnis haben sie festgestellt, dass depressive Personen im Vergleich zu gesunden Probanden tatsächlich das subjektive Empfinden haben, dass die Zeit langsamer vergeht. Müssen sie jedoch ein ganz konkretes Zeitintervall von zum Beispiel zwei Sekunden oder auch zwei Minuten schätzen, gelingt ihnen das genauso gut wie gesunden Menschen.

Sven Thönes und PD Dr. Daniel Oberfeld-Twistel vom Psychologischen Institut der JGU haben für ihre Metastudie die Ergebnisse aus 16 Einzelstudien mit insgesamt 433 depressiven Probanden und 485 nicht depressiven Kontrollprobanden ausgewertet. "Psychiater und Psychologen in Kliniken oder Praxen berichten immer wieder davon, dass depressive Patienten das Gefühl haben, die Zeit schleiche langsam dahin oder vergehe im Zeitlupentempo", berichtet Oberfeld-Twistel. "Unsere Auswertung kann dies bestätigen." Erste wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Thema gab es bereits in den 1940er-Jahren. Die älteste Studie, die in die Analyse der Mainzer Psychologen einging, stammt von 1977.

Im zweiten Teil ihrer Metaanalyse untersuchten Thönes und Oberfeld-Twistel die Schätzung der Zeitdauer von Ereignissen. Bei solchen Studien werden Probanden beispielsweise gebeten, die Länge eines Films in Minuten anzugeben, fünf Sekunden lang auf eine Taste zu drücken oder die Dauer von zwei unterschiedlich langen Tönen zu unterscheiden. Hier führten depressive Probanden die Aufgaben genauso aus wie gesunde, es zeigte sich kein Unterschied. "Offensichtlich ist das subjektive Gefühl, wie die Zeit vergeht, für depressive Menschen etwas anderes als die tatsächliche Schätzung der Dauer eines externen Ereignisses", fasst Oberfeld-Twistel die Ergebnisse zusammen.

Als Manko bei der Datenlage empfinden Thönes und Oberfeld-Twistel, dass einige Aspekte für den Zusammenhang von Depressionen und Zeitwahrnehmung noch nicht hinreichend untersucht worden sind. So ist wenig darüber bekannt, wie sich Antidepressiva oder Psychotherapie auswirken oder ob Patienten mit bipolaren Störungen oder einer klassischen Depression unterschiedlich reagieren. Auf jeden Fall aber muss in künftigen Studien nach Einschätzung der Autoren der Metastudie deutlich zwischen einer subjektiven Beurteilung des Zeitflusses und der Schätzung von präzise definierten Zeitintervallen unterschieden werden.

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Veröffentlichung
S. Thönes, D. Oberfeld, Time perception in depression: A meta-analysis, Journal of Affective Disorders 175, 359-372, 12. Januar 2015,
DOI:10.1016/j.jad.2014.12.057
Kontakt Kontakt
PD Dr. Daniel Oberfeld-Twistel
Psychologisches Institut
Abt. Allgemeine Experimentelle Psychologie
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
55099 Mainz
Tel 06131 39-39274
Fax 06131 39-39268

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