Sprachwissenschaftler der JGU unterstützen Aufbau eines Translationsstudiengangs in Mexiko

Masterstudiengang für Übersetzen und Dolmetschen in indigene Sprachen an der Interkulturellen Universität Chiapas geplant

01.12.2016

Tsotsil, Tseltal und CH‘ol – das sind drei der indigenen Sprachen, die in Mexiko gesprochen werden und als Nationalsprachen anerkannt sind. Die indigene Bevölkerung des Landes hat zwar offiziell das Recht auf den Gebrauch ihrer Sprache, im Alltag allerdings zeigen sich viele Hürden. Grund dafür ist unter anderem, dass es an den Universitäten des Landes keine Ausbildung zum Übersetzer oder Dolmetscher für indigene Sprachen gibt. In einem Kooperationsprojekt zwischen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und der Universidad Intercultural de Chiapas (UNICH) in Mexiko wird nun die Einrichtung einer solchen Ausbildung in Angriff genommen. Dazu besucht eine Delegation der mexikanischen Partneruniversität die Sprachwissenschaftler am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der JGU in Germersheim. Die Gäste aus Chiapas bleiben für zwei Wochen, um die Planung des Masterstudiengangs Translation fortzuführen und weitere Kontakte zu knüpfen.

Der politische Hintergrund für das Vorhaben reicht bis in die 1990er-Jahre zurück, als es zu einem Aufstand der Zapatisten und bewaffneten Auseinandersetzungen mit der mexikanischen Regierung kam. Mit der Befriedung des Konflikts wurden die Rechte der indigenen Bevölkerung Mexikos gestärkt und die Anerkennung der indigenen Sprachen als Nationalsprachen in die mexikanische Verfassung aufgenommen. "Wir kennen eine Vielzahl von indigenen Sprachen. Tsotsil und Tseltal, beide aus der Familie der Maya-Sprachen, gehören in Chiapas zu den wichtigsten, es gibt aber landesweit 62 indigene Sprachen", erklärt die Projektleiterin Prof. Dr. Martina Schrader-Kniffki. Die Professorin für Spanische und Portugiesische Sprach- und Translationswissenschaft merkt an, dass etwa 13 Prozent der Bevölkerung Mexikos indigener Abstammung sind, jedoch über die Zahl der Sprecher indigener Sprachen keine eindeutigen Angaben vorliegen.

Um den Zugang dieser Bevölkerungsgruppe zu Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe zu verbessern, spielt Sprache eine wichtige Rolle. "Übersetzen und Dolmetschen haben im Bereich der indigenen Sprachen aber noch immer einen eher informellen Charakter", so Schrader-Kniffki. Dabei wären Übersetzungs- und Dolmetscherdienste in vielen Lebensbereichen immens wichtig: Beim Arzt- und Krankenhausbesuch, vor Gericht oder im Rahmen einer Ausbildung werden Hilfestellungen benötigt, die oft nur unzureichend wahrgenommen werden, weil es an qualifizierten Übersetzern und Dolmetschern fehlt. "Das kann für die Menschen gravierende Folgen haben, wenn zum Beispiel Unschuldige vor Gericht verurteilt werden, weil die Verteidigung aus sprachlichen Gründen nicht möglich war", erläutert Schrader-Kniffki.

Sprachbarrieren überwinden mit Community Interpreting

Trotz der Bedeutung von Sprachmittlern gibt es bislang in Mexiko noch keine akademische Ausbildung für die Translation in indigenen Sprachen. Translation, der Begriff deckt nicht nur das schriftliche Übersetzen und das mündliche Dolmetschen ab, sondern umfasst auch das sogenannte Community Interpreting – eine Sparte, die hochaktuell ist und in Deutschland beispielsweise bei der Unterstützung von Migranten und Flüchtlingen zum Einsatz kommt. "Community Interpreting ist eine Art informelles Dolmetschen, um Sprachbarrieren im Alltag zu überwinden. Die Übersetzer begleiten die betreffenden Menschen beispielsweise zu Ämtern und Behörden oder Arztterminen. Es kommt dann nicht so sehr auf das wortwörtliche Übersetzen an, sondern mehr darauf, kulturelle und religiöse Umstände zu berücksichtigen", sagt Prof. Dr. Martina Schrader-Kniffki und verweist als Beispiel auf den Germersheimer Dolmetscherpool, der hier vor Ort wertvolle Dienste leistet. Mit ähnlichen Dolmetschsituationen sehen sich auch indigene Sprecher in Mexiko konfrontiert.

Die spezifische Expertise im Community Interpreting am Germersheimer Arbeitsbereich für Interkulturelle Kommunikation, unter Leitung von Prof. Dr. Bernd Meyer, ist für die Entwicklung des Masterstudiengangs "Translation", der an der UNICH eingerichtet werden soll, ausgesprochen relevant. Hinzu kommt, dass in Germersheim seit Sommer 2014 Kurse und Seminare zu indigenen Sprachen angeboten werden, die auf großes Interesse stoßen – gute Voraussetzungen für eine engere und langfristige Kooperation, wie sie von den beiden Einrichtungen angestrebt wird.

Der Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK) ist mit zwölf angebotenen "großen" Sprachen eine der weltweit wichtigsten Ausbildungsstätten für Dolmetschen und Übersetzen. Bei ihrem aktuellen Besuch kann sich die UNICH-Delegation in Germersheim über dieses Studienangebot und die Translationstechniken informieren. In vier Jahren sollen dann zunächst 25 Studierende die Möglichkeit haben, sich an der Universität in Chiapas für einen Masterstudiengang zur Translation in indigenen Sprachen einzuschreiben. Die noch sehr junge, erst im Jahr 2004 gegründete Universität verfügt dann über ein weiteres Angebot, das der interkulturellen Kommunikation, der Integration und Teilhabe der indigenen Bevölkerung dienen wird.