Umgang mit Statistik soll mit "invertierten Vorlesungen" nachhaltig gestärkt werden

Studierende erschließen sich statistisches Wissen selbstständig und wenden es in Präsenzzeit mit Lehrenden interaktiv an / BMBF fördert neues Verbundprojekt unter JGU-Koordination

07.09.2017

In vielen Studienfächern verschiedener Fachrichtungen werden von den Studierenden heutzutage Kenntnisse in Statistik verlangt, die sie auch im späteren Berufsleben benötigen. In der Lehre zeigt sich jedoch, dass Statistik nicht immer als beliebtes Studienfach bei den Studierenden wahrgenommen wird, was die Vermittlung der Fachkenntnisse oft erschwert. Unter der Leitung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) soll nun erforscht und erprobt werden, wie sich Studierende statistisches Wissen in einer wirtschaftswissenschaftlichen Großveranstaltung besser aneignen können. Dazu wird ein Flipped-Classroom-Design erstellt und untersucht, inwieweit dieses Konzept im Vergleich zu klassischen Statistikveranstaltungen für den Lernprozess der Studierenden von Vorteil ist. Bei dem "umgedrehten Unterrichtskonzept" eignen sich die Studierenden das neue Wissen zunächst selbstständig mithilfe von Videos außerhalb der Lehrveranstaltung an. In den Präsenzveranstaltungen vor Ort werden dann Probleme gezielt besprochen und Lösungen im Plenum und in Kleingruppen erarbeitet. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert das Verbundprojekt in den kommenden drei Jahren mit rund 450.000 Euro.

Die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden bei ihrer Studie die Faktoren Motivation, Angst und Selbstkonzept in Bezug auf das Fach Statistik berücksichtigen, da diese erwiesenermaßen einen Einfluss auf die Lernprozesse und den Wissenserwerb im Fach Statistik ausüben. Negative Konstellationen dieser Faktoren führen dazu, dass Studierende schlechter in den Prüfungen abschneiden, nur wenig Zeit und Mühe in das Lernen investieren und erst kurz vor den Prüfungen beim Lernen aktiv werden, wobei sie große Teile des Gelernten innerhalb weniger Wochen bereits vergessen.

"Die Studierenden weisen schon zu Beginn der Veranstaltung zahlreiche Fehlkonzeptionen auf, die sich hinderlich auf den Erwerb statistischen Wissens im weiteren Verlauf auswirken", teilt Projektkoordinator Prof. Dr. Manuel Förster vom Bereich Wirtschaftspädagogik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz mit. Weil sich diese Fehlvorstellungen meist erst zum Ende eines Semesters zeigen, können die Lehrenden den Defiziten kaum noch rechtzeitig entgegenwirken. Zudem wird die Studierendenschaft in den Wirtschaftswissenschaften aufgrund der wachsenden Beteiligung an der tertiären Bildung immer heterogener, beispielsweise im Hinblick auf den Migrations- und Bildungshintergrund sowie die kognitiven Voraussetzungen. Daher ist es gerade in den üblichen Großveranstaltungen zur Statistik schwierig, individuell und differenziert auf die verschiedenen Bedürfnisse der Studierenden einzugehen. Auch hier wird die Annahme vertreten und geprüft, dass mit dem neuen Design die unterschiedlichen Studierendengruppen besser binnendifferenziert gefördert werden können.

Im Rahmen des BMBF-Projekts "Förderung statistischer Lehr- und Lernprozesse in Großveranstaltungen mittels eines Flipped-Classroom-Designs" (FLIPPS) kooperieren seitens der JGU Prof. Dr. Manuel Förster (Wirtschaftspädagogik), Prof. Dr. Thorsten Schank (Statistik), Dr. Constantin Weiser und Dr. Kirsten Winkel mit den Statistiklehrstühlen von Prof. Dr. Florian Heiß von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Dr. Sigbert Klinke von der Humboldt-Universität zu Berlin. Es werden die Lehr- und Lerneffekte zweier klassischer Statistikgroßveranstaltungen mit denen zweier "invertierter" Großveranstaltungen verglichen. Dazu werden an den beiden Hochschulstandorten Düsseldorf und Mainz die Vorlesungen zu grundlegenden statistischen Methoden in den Wirtschaftswissenschaften genutzt, an denen im Sommer- bzw. Wintersemester etwa 600 Studierende teilnehmen. Gleichzeitig werden Flipped-Classroom-Veranstaltungen entworfen, die Lehr-Lernvideos zu statistischen Inhalten, interaktive Begleitmaterialien, E-Quiz-Aufgaben sowie handlungsorientierte Präsenzübungen mit Projektarbeiten umfassen. Diese Veranstaltungen werden ab dem Sommersemester 2018 stattfinden.

"Zunächst sollen sich die Studierenden mithilfe der Lernvideos und gegebenenfalls einem begleitenden Lehrbuch die Inhalte selbst erschließen, bevor sie diese dann in den Präsenzveranstaltungen anwenden, vertiefend einüben und reflektieren", erläutert Förster. Durch einen intensiven Austausch mit Kommilitonen und Dozenten sowie Rückmeldungen zu den E-Quiz-Aufgaben erhalten die Studierenden regelmäßig Feedback zu ihrem Lernstand. Die Verbundpartner erwarten, dass sich dies positiv auf den Wissenserwerb auswirkt und die Flipped-Classroom-Studierenden am Ende im Durchschnitt bessere und nachhaltigere Lernergebnisse erzielen – bei einer nur leicht erhöhten Arbeitsbelastung, die sich aber gleichmäßiger auf das Semester verteilt.