Neues DFG-Projekt zur Kulturgeschichtsschreibung in Russland während der Sattelzeit gestartet

Historiker untersuchen am Beispiel Russlands an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, wie der Blick auf die eigene Geschichte entsteht

18.06.2018

Schulbücher dienen in erster Linie der Unterrichtung von Schülerinnen und Schülern. Über ihre eigentliche Bestimmung hinaus können sie aber auch Historikern eine wertvolle Quelle sein. So geben russische Schulbücher vom Ende des 18. Jahrhunderts Aufschluss darüber, wie der russische Staat damals die Welt insgesamt, Europa und das Zarenreich darstellen wollte. Die Bücher wurden im Rahmen der Schaffung eines säkularen Schulwesens in Russland nach 1786 erarbeitet – heute tragen sie dazu bei, unser Wissen über die Geschichtsschreibung in Russland zu erweitern. Dies ist auch das Ziel eines neuen DFG-Projekts, das Anfang Mai 2018 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) begann: "Vor der Kulturgeschichte: Funktionen und Dynamiken russischer Historiografie im europäischen Kontext (1750-1830)".

Schulgeschichtsbücher sind dabei eine Quelle, eine weitere sind die großen geschichtswissenschaftlichen Werke des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. "Uns interessiert, welche Vorstellungen in der sogenannten Sattelzeit, also dem Übergang von der Aufklärung zur Romantik und zur Moderne, von einer Kultur der Russen entwickelt wurden", erklärt Prof. Dr. Jan Kusber vom Arbeitsbereich Osteuropäische Geschichte der JGU. "Die Schulbücher liefern uns den staatlich sanktionierten Blick auf die Geschichte und geben einen breiten Rezeptionsgrad wieder."

Im späten 18. Jahrhundert setzte in Russland eine intensive Debatte über die Frage ein, was denn russische Kultur sei und worin eigentlich ein genuin russischer Beitrag zur Geschichte der Menschheit besteht. Es entstanden grundlegende Texte, die zentrale Fragen für das aufkommende Nationalbewusstsein thematisierten und sich zunehmend mit der Geschichtsschreibung befassten. Viele Ideen, Konzepte und Ideale wurden in dieser Zeit aus Europa nach Russland übertragen. Den Boden dafür hatten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verschiedene Faktoren bereitet: ein Wandel in der Struktur der Schriftkommunikation, vereinfachte Druckverfahren, die Neugründung von Verlagen und ein schnell wachsender Buchmarkt.

Frakturschrift entziffern: Quellenstudium mit Spezialkenntnissen

Aber wie blickt Russland auf die Kultur der Menschheit, die Kultur Europas und auf seine eigene Kultur zu dieser Zeit? Welche Vorstellungen wurden entwickelt, welche Konzepte anderer europäischer Länder übernommen, angepasst und weiterentwickelt? "Als Vorbild diente die französisch- und deutschsprachige Geschichtsschreibung. Russland wollte etwas Ähnliches aufbauen und orientierte sich an diesen beiden Ländern", erläutert Kusber, der das neue DFG-Projekt leitet. Das große Reich sollte nicht nur geografisch und politisch definiert werden, sondern es sollten auch die jeweiligen Gebräuche und Sitten erfasst oder die Bedeutung des Landes für die Menschen dargestellt werden. Vieles davon findet sich in den Schulbüchern wieder.

Dass diese Bücher und anderes Quellenmaterial nun in Mainz ausgewertet werden, liegt nach Darstellung von Kusber an der hiesigen Expertise. "Deutsche und französische Werke, die im 18. Jahrhundert in Russland als Vorlage oder zur Orientierung dienten, waren in Fraktur gedruckt, die oft deutschsprachigen Mitglieder der Russischen Akademie der Wissenschaften schrieben Fraktur. Es ist unsere Stärke, dass wir diese Schriften entziffern können." Die Geschichtsschreibung in Russland zum ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert soll 2020 in einer Publikation, zunächst auf Deutsch, dargestellt werden. Die Projektmitarbeiter erwarten, dass sie damit auch einen Baustein für einen europäischen Vergleich liefern können.