Identität Königin Edithas bestätigt

Anthropologische Untersuchungen der Gebeine an der JGU

17.06.2010

Ende des Jahres 2008 wurde bei Forschungsgrabungen im Magdeburger Dom unter Leitung von Rainer Kuhn von der Stiftung Dome und Schlösser in Sachsen-Anhalt ein Bleisarg im angeblichen Kenotaph der Königin Editha geborgen. Wie ein internationales Forscherteam jetzt bestätigte,befanden sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit tatsächlich die sterblichen Überreste der Königin in diesem Sarg. Der Bergung des Sarges folgten umfangreiche Untersuchungen in verschiedenen Labors in Deutschland und England, die nun die Zuweisung mehr als wahrscheinlich machen.

Anerkannte Experten forschten in den letzten eineinhalb Jahren zu den verschiedenen Fundgruppen - Knochen, Textilien, Metallen, Pflanzen- und Insektenresten. Die grundlegenden naturwissenschaftlichen Untersuchungen sind nun beendet und beantworten zentrale Fragen, so die grundlegendste: Befinden sich im Sarg tatsächlich die Gebeine der Königin Editha, der Enkelin Alfreds des Großen, des berühmtesten sächsischen Königs von England? Editha war im Alter von 19 Jahren aus Wessex nach Magdeburg gekommen, wo sie Otto den Großen heiratete und 946 n. Chr. im Alter von 36 Jahren verstarb. Beigesetzt wurde sie historischen Quellen zufolge ursprünglich im Mauritiuskloster in Magdeburg.

Die anthropologische Untersuchung der Gebeine wurde durch das Team um Prof. Dr. Kurt W. Alt von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz durchgeführt. Geschlecht, Alter und Lebensumstände der Toten passen genau zu dem Bild, das durch literarische Quellen zu Editha überliefert ist. Alle Knochen im geborgenen Bleisarg stammen nachgewiesenermaßen von einem einzigen Individuum. Morphologische und metrische Analysen des Skeletts ergaben, dass es sich um eine 30-40jährige Frau von ca. 1,57 m Größe handelte. Eine im Alter zwischen 10-14 Jahren erlittene Infektionskrankheit oder Mangelernährung hinterließen Spuren an den Knochen. Der erhaltene Gelenkkopf des Oberschenkels weist eine deutliche Reiterfacette auf - ein Hinweis auf die Lebensumstände einer Adeligen. Das Fehlen der Füße, Teile der Hände und v.a. des Schädels, von dem lediglich der Oberkiefer erhalten ist, ist nicht mit dem Erhaltungszustand des Skelettes zu erklären. Möglicherweise sind diese Fehlstellen auf den Reliquienhandel oder auf Volksfrömmigkeit im Mittelalter zurückzuführen.

Die Strontium- und Sauerstoffisotopenanalyse, die anhand der in den Knochen abgelagerten chemischen Signale Auskunft über die Aufenthaltsorte der untersuchten Person geben kann, hat weitere bemerkenswerte Ergebnisse zur Lebensgeschichte der bestatteten Frau erbracht. Die Isotopenuntersuchungen wurden in zwei Laboren vorgenommen - durch Corina Knipper an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und durch Dr. Alistair Pike von der University of Bristol. Beide gelangten unabhängig voneinander zu demselben Ergebnis: Die Frau, die im Editha-Sarg bestattet wurde, ist im südenglischen Wessex in der Gegend von Winchester aufgewachsen. Die Untersuchungen in Bristol konnten zudem durch die Anwendung der speziellen Technik der Laser-Ablation dieses Ergebnis noch präzisieren: "Gemessen wurden die Strontium-Isotope in winzigen Proben des Zahnschmelzes. Diese Mikro-Beprobung erlaubt es uns, an den Sequenzen jahresringgleich die Aufenthaltsorte der untersuchten Personen bis zu einem Alter von 14 Jahren zu ermitteln", erklärt Dr. Alistair Pike.

Laut Prof. Dr. Mark Horton vom Dept. of Archaeology and Anthropology der University of Bristol, lassen sich die Ergebnisse dieser Untersuchung zweifelsfrei mit den Stationen der Kindheit und Jugend Edithas in Wessex verknüpfen: "Editha scheint die ersten 8 Jahre ihres Lebens in Südengland verbracht zu haben, allerdings wechselte sie häufig den Aufenthaltsort. Erst ab einem Alter von ca. 9 Jahren bleiben die Isotopenwerte konstant. Editha muss in der Gefolgschaft ihres Vaters, König Edwards des Älteren, während dessen Regentschaft im Reich umhergezogen sein. Als die Mutter 919 geschieden wurde – also Editha zwischen 9 und 10 Jahre alt war – wurden beide in ein Kloster, vielleicht Winchester oder Wilton bei Salisbury, verbannt."

Zudem haben die Mainzer Analysen gezeigt, dass die untersuchte Person hochwertige Nahrung zu sich genommen hat. Damit passt sie in das Raster, das für die Mitglieder der Magdeburger Oberschicht des Mittelalters im Vergleich nachgewiesen wurde. Auffällig ist der hohe Anteil an tierischen Proteinen und Fisch, der auch durch die Befolgung der christlichen Nahrungsgebote zu erklären ist. Für den hohen Anteil des Verzehrs von weichen Nahrungsbestandteilen sprechen außerdem die geringen Abrasionsspuren des ursprünglich komplett erhaltenen Gebisses.