Geheimakten aus alliierten Vernehmungslagern für familiengeschichtliche Zwecke verfügbar

Historisches Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz bietet Informationsportal für Angehörige von Wehrmachtssoldaten

31.05.2011

Das Historische Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) stellt in Kooperation mit der Fritz Thyssen Stiftung ein neues Informationsangebot für Familien ehemaliger Wehrmachtssoldaten bereit: Zu familiengeschichtlichen Zwecken können ab sofort Kopien amerikanischer Geheimakten aus dem Zweiten Weltkrieg angefragt werden, die Abhörprotokolle und Vernehmungsberichte über rd. 3.000 deutsche Kriegsgefangene enthalten.

Das Angebot bezieht sich auf das umfangreiche Aktenmaterial aus dem Forschungsprojekt "Referenzrahmen des Krieges", das von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert wird. Das Forschungsprojekt stützt sich auf bislang unbekannte Quellen aus amerikanischen Archiven und verfolgt das Ziel, einen grundlegenden Beitrag zu einer Mentalitätsgeschichte der Wehrmacht zu leisten. Zuletzt ging hieraus das viel beachtete Buch "Soldaten" von Prof. Dr. Sönke Neitzel und Prof. Dr. Harald Welzer hervor, die das Projekt leiten.

Für Angehörige und Nachfahren von Wehrmachtssoldaten besteht nun die Möglichkeit, Kopien aus diesen Unterlagen zu erhalten. Das verfügbare Quellenmaterial umfasst mehr als 100.000 Seiten Akten, die aus dem amerikanischen Kriegsgefangenenlager Fort Hunt bei Washington stammen. In diesem geheimen Vernehmungslager wurden während des Zweiten Weltkriegs über 3.000 deutsche Wehrmachtssoldaten interniert, vernommen und über versteckte Mikrofone heimlich abgehört. Zu jedem einzelnen Gefangenen fertigte die Lagerbürokratie eine Gefangenenakte an. Die einzelnen Gefangendossiers enthalten wörtliche Abhörprotokolle über die Gespräche der Gefangenen mit ihren Zellengenossen, Vernehmungsberichte zu diversen Themen, Materialien über die lebensgeschichtlichen Hintergründe und militärischen Karrieren der Soldaten sowie vieles mehr.

Eine alphabetische Liste aller Soldaten, über die dem Mainzer Forschungsteam Gefangenenakten aus Fort Hunt vorliegen, ist auf der Website des Historischen Seminars im Portal Abgehört - das familiengeschichtliche Portal verfügbar. Das Angebot, von diesen Gefangenenakten Kopien zu erhalten, richtet sich ausschließlich an Angehörige und Nachfahren der betreffenden Wehrmachtssoldaten zu familiengeschichtlichen Zwecken.

Prof. Dr. Sönke Neitzel vom Historischen Seminar der JGU hofft, dass beide Seiten von diesem Angebot profitieren werden: "Diese Materialien können den Familien viele offene Fragen über den Weg ihrer Väter und Großväter durch den Zweiten Weltkrieg beantworten, und vielleicht können wir durch den Austausch mit den Familien auch noch einiges mehr über die Wehrmachtssoldaten erfahren, um ihnen in unseren Studien noch besser gerecht werden zu können."