Schlüsselfaktor des Usher-Syndroms entdeckt

Mainzer Zoologen erforschen Ursachen der kombinierten Taub-Blindheit

16.01.2006

Das Usher-Syndrom (USH) des Menschen ist die häufigste Erbkrankheit, die zum Gehörverlust und zum Erblinden führt. Die Betroffenen können bereits von Geburt an taub sein und verlieren im weiteren Verlauf der Krankheit ihr Augenlicht. Häufig geht das Syndrom mit einer Störung des Gleichgewichtssinns einher. Wissenschaftler um Prof. Dr. Uwe Wolfrum vom Institut für Zoologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) haben weitreichende neue Erkenntnisse zur Entstehung dieser schweren Krankheit gewonnen. Demnach verbindet das Gerüstmolekül Harmonin verschiedene Proteine, die an dem Usher-Syndrom beteiligt sind, zu einem Komplex. Der Defekt einer dieser Komponenten führt dann vermutlich zur Fehlfunktion des gesamten Netzwerks und leitet so die Ausprägung der neurodegenerativen Erkrankung ein. Die Arbeiten wurden kürzlich in der Fachzeitschrift Human Molecular Genetics veröffentlicht. Die Mainzer Forschergruppe ist in Deutschland derzeit die einzige, die an dem Usher-Syndrom zellbiologisch arbeitet.

Das Usher-Syndrom kann aufgrund klinischer Befunde in drei ähnliche, doch in ihrer Ausprägung unterscheidbare Hauptformen (Typ 1-3) eingeteilt werden. Diese setzen sich wiederum aus genetisch verschiedenen Subtypen zusammen. Bislang sind von den zwölf Genen, deren Mutation zu einer der Subformen des Syndroms führt, erst neun identifiziert. Diese Usher-Gene kodieren für Proteine, die sehr unterschiedlichen Proteinklassen mit weitem Funktionsspektrum zuzuordnen sind. Bislang war es ein Rätsel, weshalb Defekte in solch verschiedenen Molekülen zu einem so ähnlichen Erscheinungsbild führen.

In einer Kooperation mit internationalen Partnern konnte die Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Uwe Wolfrum zeigen, dass alle bislang identifizierten Proteine, die mit dem Usher-Syndrom in Zusammenhang stehen, über das Gerüstmolekül Harmonin (USH1C) in einem Proteinnetzwerk verbunden sind. Die Forschungsarbeiten der Molekular- und Zellbiologen konnten die erste molekulare Verbindung zwischen dem Usher-Syndrom-Typ 1 und dem Usher-Syndrom-Typ 2 nachweisen. Der Defekt einer Komponente des Usher-Proteinnetzwerks dürfte zur Fehlfunktion des gesamten Netzwerks führen und so in einen pathophysiologischen Prozess münden, der letztlich zur Ausbildung der Symptome des Usher-Syndroms führt. Die gewonnenen Erkenntnisse sind essenziell für zukünftige fundierte Therapieansätze dieser erblichen Blind-Taubheit.

Die Forschungsvorhaben wurden zum Teil im Rahmen des Graduiertenkollegs 1044 "Entwicklungs- und krankheitsinduzierte Modifikationen im Nervensystem" der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) durchgeführt und insbesondere durch Stiftungsmittel von Patientenorganisationen wie der FAUN-Stiftung in Nürnberg und Forschung contra Blindheit – initiative Usher Syndrom e.V. unterstützt.