Internationales Forschungsprojekt untersucht mittelalterliche Architektur in Livland

Grundlagenforschung der Abteilung Kunstgeschichte zur Geschichte der Baukunst in Estland und Lettland

19.07.2016

Über die Geschichte und Entwicklung der Architektur in Estland und Lettland während des Mittelalters ist bislang nur wenig bekannt. Ein neues kunstwissenschaftliches Forschungsprojekt mit Beteiligung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) soll diese Lücke füllen und die Baukunst im Nordosten Europas wissenschaftlich untersuchen. Das Projekt mit dem Titel "Mittelalterliche Architektur in Livland (Estland, Lettland) – die Baukunst einer historischen Grenzregion im Nordosten Europas" hat eine Laufzeit von insgesamt vier Jahren. Die Projektleitung liegt bei Prof. Dr. Matthias Müller von der Abteilung Kunstgeschichte des Instituts für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft der JGU in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Christofer Herrmann von der Universität Danzig und Prof. Dr. Dethard von Winterfeld, Abteilung Kunstgeschichte der JGU.

Ziel des internationalen Forschungsprojekts ist eine Gesamtdarstellung der mittelalterlichen Architekturentwicklung Livlands. Eine solche Darstellung der mittelalterlichen Architekturgeschichte eines wesentlichen Teils des heutigen Baltikums fehlt bislang, sodass das Projekt in weiten Bereichen Grundlagenarbeit leistet. Ein besonderes Interesse gilt den spezifischen Entstehungsbedingungen der Architektur, die in einer Grenzregion der christlich geprägten Kultur im Nordosten des mittelalterlichen Europa realisiert wurde.

Auf der Grundlage einer Katalogerfassung – bestehend aus Baubeschreibungen, Baualtersplänen, Fotodokumentationen, Auswertungen von Schriftquellen und Forschungsliteratur zur Baugeschichte – aller erhaltenen und dokumentierten Bauten werden deutsche, estnische, lettische und dänische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemeinsam den Fragen nach der Genese und Entwicklung der dortigen Baukunst und ihrer Einbindung in den europäischen Kontext nachgehen. Dabei sollen auch die spezifischen historischen, in die deutsche Ostsiedlung und dänische Ostseeherrschaft eingebundenen Entstehungs- und Existenzbedingungen der Region zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert und deren Bedeutung für die Ausprägung der Architekturformen untersucht werden.

Ein weiteres wichtiges Projektziel besteht darin, die in Deutschland und Dänemark weitgehend unbekannten Ergebnisse und Leistungen der lettischen und estnischen Architekturforschung nach 1945 zusammenfassend zu erschließen und auf dieser Grundlage eine gemeinsame zukünftige Forschungsperspektive zu eröffnen, die aktuellen bauarchäologischen, kulturwissenschaftlichen und wissenschaftsgeschichtlichen Erkenntnisinteressen und Methoden der europäischen Architekturforschung entspricht. In diesem Zusammenhang ist auch eine kritische Darstellung der Forschungsgeschichte hinsichtlich der politischen Interpretation mittelalterlicher Architektur als identitätsstiftendes Element vorgesehen.

Das einjährige Vorprojekt ab Juli 2016, das in Kooperation mit dem Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung durchgeführt wird, umfasst vorbereitende Arbeiten wie Literatur- und Archivrecherche, Erstellung der Objektlisten, des Literatur- und Quellenverzeichnisses, Analyse und Dokumentation der Bauten in zwei ausgesuchten Regionen in Estland und Lettland mit Durchführung einer Musterkatalogisierung. Das Vorprojekt wird durch die Beauftragte der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien finanziert.