Chinas Weinbau im Umbruch: Jahrtausendealte Weinkultur legt Fundament für aufstrebende Weinproduktion im Reich der Mitte

Peter Kupfer veröffentlicht Geschichte der chinesischen Weinkultur / 9.000 Jahre alte Funde zeigen weltweit älteste Weinspuren aus Zentralchina

15.04.2020

Die ältesten archäologischen Funde, die auf die Verwendung von Wildreben in einem fermentierten Ritualtrunk hindeuten, stammen aus China und sind 9.000 Jahre alt. Dieser "neolithische Cocktail" ist nach jetzigem Stand das älteste alkoholische Getränk weltweit. Nur wenig später, nämlich vor 8.000 Jahren, wurde offenbar in Georgien mit dem Weinbau begonnen. "Alkohol und besonders Traubenwein spielt auf dem eurasischen Kontinent über Jahrtausende hinweg eine ganz maßgebliche Rolle. China kommt dabei eine zentrale Stellung zu", sagt Prof. Dr. Peter Kupfer, Sinologe von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Kupfer hat vier Jahrzehnte lang über China geforscht und sich mit allen Facetten der chinesischen Alkoholkultur befasst, die das Leben der Menschen im Reich der Mitte seit Jahrtausenden prägt. Der jüngste Aufstieg Chinas zu einem der weltweit führenden Wein produzierenden und konsumierenden Länder ist nach Einschätzung von Kupfer vor diesem Hintergrund zu sehen.

Menschliche Evolution seit jeher mit Weinkultur verknüpft

Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass Alkohol ein integraler Bestandteil der menschlichen Evolution und Zivilisationsgeschichte darstellt. Wein ist dabei noch vor Bier das älteste und am weitesten verbreitete Kultur- und Ritualgetränk der Menschheit. "Das Entstehen sämtlicher eurasischer Hochkulturen ist aufs Engste mit der Entwicklung einer zunächst magischen und im Weiteren gesellschaftlich-religiös ritualisierten Wein- und Alkoholkultur verknüpft", beschreibt Kupfer die herausragende Rolle alkoholischer Getränke in der Menschheitsgeschichte. So alt wie der Genuss von Wein und später von Bier sind auch die Verbindungen und der Austausch unter den Völkern auf dem eurasischen Kontinent. Nicht erst seit der Blüte der Seidenstraße vor zweitausend Jahren, sondern bereits seit prähistorischen Epochen hielten die Gesellschaften Eurasiens über riesige geografische Entfernungen miteinander Kontakt und pflegten den Austausch. "Gerste wurde von Mesopotamien nach China exportiert, wo das Getreide ausschließlich zur Bierproduktion verwendet wurde", führt Kupfer als ein Beispiel an.

Ob auch zwischen den Fundorten der frühesten Weinspuren – in Georgien von vor 8.000 Jahren und im zentralchinesischen Jiahu von vor etwa 9.000 Jahren – eine Verbindung besteht, ist bislang noch nicht nachgewiesen, nach Einschätzung von Kupfer aber durchaus möglich. Dass China eine so zentrale Bedeutung im Weinbau zukommt, liegt auch daran, dass auf chinesischem Territorium die weltweit reichhaltigsten und vielfältigsten Ressourcen an Vitis-Arten seit Jahrmillionen beheimatet sind. Während der Eiszeit haben die Weinreben im Süden Chinas ein Refugium gefunden, sodass heute über 40 Vitis-Arten existieren, davon 30 originär einheimische Arten.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, gab es in der gesamten Geschichte Chinas keine Phasen der Prohibition. Im Gegenteil: Die chinesische Regel "Keine Feier ohne Alkohol" wurde zu allen Zeiten eingehalten. "Noch heute prostet man sich in China so zu, wie es vor 3.000 Jahren in schriftlichen Anweisungen über die Gastfreundschaft vorgeschrieben wurde", erklärt Prof. Dr. Peter Kupfer. Die Weinkultur ist also kein Kind der griechisch-römischen oder einer europäischen Tradition – wie man angesichts der Spitzenweine aus Frankreich meinen könnte. Sondern sie entwickelte sich seit der Jungsteinzeit über Jahrtausende hinweg im beständigen Austausch eurasischer Regionen, wozu insbesondere sehr früh schon Persien und Indien zählten.

Neue Weine aus dem Reich der Mitte

Erst seit Ende des 19. Jahrhunderts orientierte sich der chinesische Weinbau an westlichen Vorbildern – etwa zur selben Zeit, als die europäische Weinkultur in vielen überseeischen Regionen Fuß fasste, darunter Nord- und Südamerika, Südafrika, Australien und Neuseeland sowie Japan. Chinesische Unternehmer importierten Reben und Technologien aus Europa, kooperierten mit europäischen Weinherstellern und Önologen und richteten sich verstärkt an dem französischen Modell der Weinbereitung und Reifung in Eichenfässern aus. Dies legte den Grundstein für Chinas Weinkultur bis heute. "Seit den 1990er-Jahren entwickelt sich China nun sehr selbstständig. Die Anbauflächen für Keltertrauben steigen und sind mittlerweile so groß wie in Deutschland, aber auch der Import und der Konsum von Wein nehmen zu. Wein wird vor allem von jungen Leuten, die offen sind für neue Erfahrungen, sehr geschätzt." Kupfer weist auch darauf hin, dass der chinesische Markt schon jetzt hervorragende Qualitäten und eine große Vielfalt insbesondere an Rotweinen bietet – und die zukünftigen Möglichkeiten dank dem Terroir und Klima hervorragend sind. "Ich glaube, wir werden in ein paar Jahren sehen, dass China eine ganz eigenständige Weinkultur hervorbringt. Die Perspektiven dafür sind angesichts der vielfältigen geografischen Möglichkeiten über Tausende von Kilometern hinweg ausgezeichnet", erwartet Kupfer.

"Bernsteinglanz und Perlen des Schwarzen Drachen: Die Geschichte der chinesischen Weinkultur"

Peter Kupfer ist seit 1998 Professor für Chinesische Sprache und Kultur am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim. Seit 2008 hat er mehrere Forschungsreisen an den zentralasiatischen, chinesischen und iranischen Seidenstraßen unternommen und sich insbesondere Fragen der chinesischen Weinkultur gewidmet. Sein Buch "Bernsteinglanz und Perlen des Schwarzen Drachen: Die Geschichte der chinesischen Weinkultur" schildert aus einer interdisziplinären Sicht das Phänomen Wein und Alkohol in der chinesischen Kulturwelt. Archäologische, anthropologische, historische, ethnografische, soziologische, literarisch-künstlerische Aspekte fließen ebenso ein wie linguistische und kulinarische Erkenntnisse. So wird die Geschichte des Weins und alkoholischer Getränke im chinesischen Raum durch die einzelnen Epochen bis in die Gegenwart beleuchtet. Die Publikation wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.