Aller guten Dinge sind dreizehn: Märchen aus Eurasien

Studierende aus Moskau und Germersheim übersetzen Märchen aus mehr als zwei Dutzend Sprachen ins Russische und ins Deutsche

10.06.2020

Relaisdolmetschen kennen wir normalerweise von internationalen Organisationen wie der EU, wenn seltener gesprochene Sprachen wie Litauisch oder Slowakisch zunächst in eine Mittlersprache – meist Englisch – gedolmetscht werden und dann aus dieser "Relaissprache" weiter in die übrigen Sprachen. Doch das Prinzip wird auch bei Märchenübersetzungen angewandt, vor allem wenn die Geschichten aus so exotischen Sprachen wie Jakutisch oder Kirgisisch stammen. Gerade für den zentralasiatischen Raum war dabei Russisch schon immer eine wichtige Mittlersprache.

Die Methode des Relaisübersetzens war Ausgangspunkt für ein außergewöhnliches Lehr- und Publikationsprojekt am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), das 2017 begann und nun mitten in Corona-Zeiten erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Um die große Sprachenvielfalt an der JGU und an ihrer Partneruniversität, der Staatlichen Linguistischen Universität Moskau (MGLU), zu zeigen und produktiv zu nutzen, übersetzten Germersheimer und Moskauer Studierende Märchen aus mehr als zwei Dutzend Sprachen von Katalanisch über Kurdisch bis hin zu Koreanisch ins Deutsche beziehungsweise Russische. Aus diesen beiden Relaissprachen wurden die Texte anschließend weiterübersetzt, sodass am Ende jedes Märchen dreisprachig vorlag: im Original, auf Russisch und auf Deutsch. Möglichen "Stille-Post-Effekten" wurde durch intensive Zusammenarbeit zwischen den Übersetzerinnen und Übersetzern mit verschiedenen Muttersprachen vorgebeugt. Neben Lektorat, Teamfähigkeit und Zeitmanagement konnten die Teilnehmenden Übersetzungsstrategien für sprechende Namen, kulturspezifische Elemente und weitere typische Märchenelemente kennenlernen und anwenden.

Dank der großzügigen Förderung durch das Zentrum für Interkulturelle Studien (ZIS) der JGU sowie Gazprom Germania wurden letztlich 13 Märchen aus dem eurasischen Raum ausgewählt, die jetzt als zweisprachige illustrierte Publikation erschienen sind. Das Märchenbuch ist eines von vielen gemeinsamen Projekten, die im Rahmen der seit mehr als 30 Jahren bestehenden Universitätspartnerschaft zwischen der JGU und der MGLU unter großem Engagement beider Seiten durchgeführt wurden und werden.