Von der Kanzel zum Podcast: Die Predigt der Zukunft muss neue Wege gehen

Theologe Thomas Nisslmüller fordert für die Predigt 4.0 neue Formen und Inhalte, die die Lebensfragen der Menschen betreffen

01.10.2020

Die Kirchen würden gut daran tun, die Rolle der Predigt künftig stärker zu gewichten und außerdem für die Kommunikation des Evangeliums völlig neue Wege zu erkunden. "Der Predigtbegriff muss erweitert werden", fordert Dr. Thomas Nisslmüller von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Er vertritt die Ansicht, dass sowohl formattechnische als auch inhaltliche Veränderungen notwendig sind. "Wir müssen die Predigt in neue Formate packen, um den Menschen eine Verständnisbrücke zu bauen und sie inhaltlich zu erreichen." Nisslmüller geht davon aus, dass die Predigt weiterhin als zentrales Element des Gottesdienstes Bestand hat, aber angesichts der digitalen Herausforderungen – von Künstlicher Intelligenz bis zu Chipimplantaten – ihr Instrumentarium erweitern und provokative Fragen formulieren muss. Seine Überlegungen zur Predigt der Zukunft hat Nisslmüller in einem aktuellen Beitrag der Zeitschrift für Theologie und Gemeinde dargelegt.

"Wir müssen in Deutschland, der Heimat Martin Luthers, überlegen, wie wir einen Weg finden, das Evangelium jenseits der Gottesdienstpredigt zu vermitteln", sagt Nisslmüller. Er kann sich Formen vorstellen wie Fernseh- oder Audiopredigt, Podcasts oder selbst Poetry Slams – also auch Predigtformate im Klein- und Kleinstformat. Dies gelte unabhängig von den Entwicklungen, die durch die Corona-Krise angestoßen wurden wie Livestreams von Gottesdiensten, und gehe darüber hinaus: "Muss die Predigt ein zentraler Teil des Gottesdienstes darstellen und wie bisher nur im Sonntagsmodus stattfinden oder könnte sie in Zukunft vielleicht überall Verbreitung finden und überall abrufbar sein?", so die Fragen des Theologen.

Predigten sollen provozieren – und die Welt verändern

Nisslmüller ruft dazu auf, die Predigt in einem positiven Sinne aufs Podest zu heben und dabei vor Inszenierungen nicht zurückzuschrecken. "Ein guter Gottesdienst ist immer eine Art von Schauspiel und soll ästhetische Aspekte berücksichtigen." Auch dies unterstützt seine Forderung nach Provokation, nach "einem markanten Predigt-Wort, das die Welt mit dem Wort der Wahrheit klar und unmissverständlich konfrontiert", wie es in dem Zeitschriftenbeitrag heißt. Die Predigt darf demnach die Menschen wachrütteln und sie so auf die Gotteswirklichkeit hinweisen, ihnen die Güte und Liebe Gottes vor Augen führen. Auch Metaphern aus dem Sport – etwa das Golfspiel – zieht der Autor heran, um die Dynamik des Predigens sowie des Evangeliums zu skizzieren.

Predigen 4.0 für eine zukunftsgerichtete Verkündigung

Neben den Überlegungen, wie Predigten platziert und gehalten werden, gehe es auch und vor allem um die Fragen der konkreten Sprache, die in Predigten Verwendung findet. "Predigten sollten aus dem Geist und Wort der Schrift erwachsen, nicht aus einer pathoslastig-weltfremden Betroffenheitsrhetorik", schreibt Nisslmüller. Er regt an, die Haltung der Zuhörer genauer zu beachten – und genauer auf ihre Fragen zu hören. "Dann können wir die Lebensfragen noch klarer fassen und die Kommunikation des Evangeliums für mehr Menschen auf den Punkt bringen."

Predigten behalten nach Einschätzung des Wissenschaftlers auf absehbare Zeit ihr Gewicht in der Funktionsweise von Kirchen und Gemeinden und werden sich in manchen Punkten auch in Zukunft treu bleiben. Aber die Weitergabe des Evangeliums steht in einem enormen Spannungsfeld. Zwischen Künstlicher Intelligenz und Influencerforen werde die Predigt der Zukunft ihren Weg finden zwischen einer superfrommen Weltentsagungsdoktrin und dem sich anbiedernden Protz-Digitalismus, meint Nisslmüller. Eine Perspektive: Predigten als Inseln der Auszeit, der Besinnung und Erholung vom Alltagsstress.

Thomas Nisslmüller ist seit 2014 Privatdozent an der JGU. Er hat über Rezeptionsästhetik in der Praktischen Theologie promoviert und war von 1996 bis 2002 als Pastor tätig. 2002 erhielt er einen Executive-MBA-Abschluss der Universität St. Gallen (HSG) und der University of California, Berkeley. 2003 und 2004 war er Gastprofessor für Business Ethics am Saint Mary´s College of California, 2004 und 2005 Radiomoderator bei Bible Broadcasting Network in Charlotte, North Carolina. Es folgte die Habilitation 2006 und Tätigkeit als Privatdozent an der TU Dortmund bis 2014.