Fastnacht in Mainz am Rhein: Zwischen Widerstandsmythos, williger Anpassung und vorsichtiger Distanz

Neue Veröffentlichung liefert wichtigen Beitrag zur Geschichte des Nationalsozialismus und zur Mainzer Stadtgeschichte

16.12.2020

In Mainz gehört die Fastnacht zu den Höhepunkten des Festkalenders. Ein Markenzeichen dieses traditionellen Volksfests ist seine politische Ausrichtung: Aktuelle politische Themen werden aufgegriffen und in den Büttenvorträgen oder auf den Motivwagen präsentiert. Aber das Geschichtsbild, das von der politischen Mainzer Fastnacht vorherrscht, bedarf einer Korrektur. Denn das närrische Treiben in den Sälen und auf den Straßen der Stadt war zur Zeit des Nationalsozialismus keineswegs so kritisch und widerständig gegenüber der Obrigkeit, wie oft behauptet. Dies zeigt eine neue Publikation, die der Historiker Prof. Dr. Michael Kißener von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und die Kunsthistorikerin Dr. Felicitas Janson von der Akademie des Bistums Mainz, Erbacher Hof herausgegeben haben. "Die mythenhaften Erzählungen über die Mainzer Fastnacht werden geradegerückt", sagt Kißener, Professor für Zeitgeschichte an der JGU, über den wissenschaftlichen Sammelband.

Fastnacht unter dem Vorzeichen der "Volksgemeinschaft" gleichgeschaltet

Die Publikation geht auf eine Tagung zurück, die von der JGU und der Akademie Erbacher Hof 2019 veranstaltet wurde. In den Beiträgen wird deutlich, dass die NS-Ideologie einer deutschen Volksgemeinschaft auch vor den Türen der Fastnachtssäle nicht haltmachte. Die Idee eines geeinten Volkes propagierten zwar alle Parteien der Weimarer Republik, aber keine hatte sie so zum wesentlichen Kern ihrer Ideologie gemacht wie die Nationalsozialisten – mit der bekannten Ausgrenzung aller, die nicht zur Volksgemeinschaft gezählt wurden, wie Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Kommunisten oder selbst Demokraten.

Insbesondere die Erschließung neuer Quellen zeigt, dass die Mainzer Fastnacht als ein Beispiel für den Widerstand einer sehr einseitigen Betrachtung unterliegt. Es gab zwar Fastnachtsredner, die kritische Töne anschlugen. "Aber unter dem Vorzeichen der Volksgemeinschaft hat sich die Mainzer Fastnacht insgesamt sehr gerne eingeordnet: Vereine haben sich gleichschalten lassen, Vereinsvorstände und Elferräte sind in die NSDAP eingetreten, Büttenreden passten sich den Anforderungen der NS-Propaganda an", erklärt Kißener. Bereits 1934 reihten sich in den Fastnachtsumzug etliche Wagen ein, die die NS-Propaganda unterstützt haben. In den Folgejahren fuhren Motivwagen durch die Mainzer Straßen, die antisemitische Propaganda vertraten und etwa das Konzentrationslager Dachau verharmlost haben. "In recht kurzer Zeit hatte ein großer Anpassungsprozess stattgefunden", fasst Kißener zusammen.

Diesem Anpassungsprozess entzogen sich nur wenige Fastnachter, die in ihren Reden auch kritische Töne anschlugen. Die Karnevalisten Martin Mundo und Seppel Glückert gehörten zu den wenigen, die sich von den Mitläufern durch ihre politischen Büttenreden absetzten. "Insgesamt gab es relativ wenig Widerstand. Das hatte auch handfeste finanzielle Gründe", sagt Kißener. Die Nationalsozialisten förderten den Karneval und vereinnahmten ihn, um ihr Idealbild der deutschen Volksgemeinschaft zu propagieren – eine Gemeinschaft, die Klassen- und Standesschranken überwinden sollte. So wurden beispielsweise Sonderzüge finanziert, um Menschen aus dem ganzen Land den Besuch des närrischen Treibens in Mainz zu ermöglichen.

Überlieferungen halten historischer Quellenforschung nicht stand

Die Vorstellung, die Mainzer Fastnacht sei widerständig gewesen und habe sich dem politischen Druck entzogen, entpuppt sich somit als Mythos. Selbst markante Begebenheiten wie die Verhaftung des Fastnachtskomitees halten einer genauen Überprüfung nicht stand. 1935 wurden am Aschermittwoch führende Fastnachter von Gauleiter Jakob Sprenger scheinbar verhaftet. Sprenger zufolge war die Aktion ein Karnevalsscherz, die Bevölkerung interpretierte sie als Warnschuss gegen unliebsame Fastnachter. Bei einem genauen Blick in die wenigen Quellen stellt sich die Lage für den Historiker Michael Kißener jedoch anders dar, nämlich als Racheakt von Sprenger, der zu einem Grußwort in der Bütt genötigt worden war und sich dabei blamiert hatte. "Das Ganze ist jedenfalls kein Beleg für großartige Widerständigkeit", bemerkt Kißener.

Opfer von Repressionen gab es dagegen unter jüdischen Fastnachtern. Menschen jüdischen Glaubens wurden aus den Vereinen und aus den Elferräten hinausgedrängt. Auch Kapellmeister mit abweichenden politischen Ansichten hatten zu gehen. "Vieles davon wurde nie aufgearbeitet", so Kißener. "Eine breite zeithistorische Aufarbeitung des Quellenmaterials ist weder in Mainz noch bundesweit erfolgt."

Der Band schließt eine Lücke, indem er für Mainz und andere Regionen die Fastnacht in der NS-Zeit untersucht und das Quellenmaterial unter dem Aspekt der Volksgemeinschaft analysiert. Unter den Autoren des Bandes sind renommierte Historikerinnen und Historiker, außerdem Studierende des Historischen Seminars der JGU, die an der Tagung am Erbacher Hof, Akademie und Tagungszentrum des Bistums Mainz, beteiligt waren. Zehn neuartige Detailstudien widmen sich dem Thema unter dem Forschungsparadigma "nationalsozialistische Volksgemeinschaft" und bieten neue Perspektiven auf das Fastnachtstreiben und seine Protagonisten. Auch wenn der Fokus auf Mainz gerichtet ist, gehen weitere Beiträge auf andere regionale Hochburgen wie den Kölner Karneval und die Alemannische Fastnacht ein oder fragen nach den Entwicklungen nach 1945: Wie ging man in der jungen Bundesrepublik und der DDR mit diesem Erbe um?