Migrationsdynamik prägt Selbstübersetzungen in der Wissenschaft

Exilwissenschaftlerinnen und Exilwissenschaftler müssen bei der Übersetzung ihrer eigenen Werke Sprache und akademische Kultur der neuen Heimat kennen

19.08.2021

Die Übersetzung und Selbstübersetzung nicht nur von Texten, sondern auch von kulturellen Praktiken, Ideen, normativen Vorstellungen und Überzeugungen ist ein Phänomen, das auf die ersten Kulturkontakte zurückgeht, sie gewinnt angesichts der globalen Migrationsbewegungen allerdings an Aktualität und Bedeutung. Davon sind auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betroffen, die aufgrund von Konflikten, Verfolgung oder finanziellen Nöten ihre Heimat verlassen mussten oder aus karrierestrategischen Gründen veranlasst sind, ihre wissenschaftliche Arbeit im Ausland fortzusetzen. "Solche Selbstübersetzungsprozesse fordern von diesen Menschen nicht nur die Übertragung ihrer Arbeiten in eine neue Sprache, sondern auch in eine neue, oft völlig andere Kultur beziehungsweise Wissenschaftskultur. Das ist ein Grund, weshalb Selbstübersetzungen nicht immer gelingen, auch wenn die sprachlichen Voraussetzungen eigentlich gegeben sind", sagt Prof. Dr. Lavinia Heller von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU).

In Zusammenarbeit mit Dr. Spencer Hawkins untersucht die Translationswissenschaftlerin am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK) am Campus Germersheim das Phänomen der Selbstübersetzung. Das kleine Forschungsteam geht dabei nicht nur denjenigen Faktoren nach, die das Gelingen oder Misslingen von Selbstübersetzungsprozessen bedingen, sondern versucht auch, die allen Übersetzungsprozessen eigenen sprachlichen, kulturellen, wissenschaftlichen Transformationen zu beleuchten, die sich auf der Ebene von Texten, Diskursen oder Strukturen abzeichnen.

Selbstübersetzungen beruhen auf einem Zusammenspiel vieler Faktoren

Aufgrund politischer Verfolgung waren in den 1930er-Jahren zahlreiche europäische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gezwungen auszuwandern. Im Exil mussten die meisten ihre Arbeit in einer neuen Sprache fortsetzen. Die erforderliche Umstellung lässt sich allerdings nicht als bloßer Sprachwechsel verstehen, sondern wird von Betroffenen selbst als Umstellung auf eine neue Wissenschafts- und Intellektuellenkultur beschrieben. "Hannah Arendt beispielsweise ist es relativ schnell gelungen, als politische Theoretikerin in den USA Anschluss zu finden", erklärt Prof. Dr. Lavinia Heller. "Dagegen war es für sie viel schwieriger, das Philosophische ihrer Arbeit zu übersetzen." Selbstübersetzungen beruhen auf einem komplexen Zusammenspiel vieler Faktoren, die den Akteuren oft nicht bewusst sind. Psychologische Komponenten spielen dabei ebenso eine Rolle wie finanzielle Verhältnisse oder das gesellschaftliche und politische Klima oder themenpolitische Moden vor Ort.

Die Verfolgung von Minderheiten, bewaffnete Konflikte und Armut einerseits und die globalisierte Wirtschaft andererseits haben in den vergangenen Jahrzehnten eine neue Migrationsdynamik ausgelöst, die auch die Übersetzungswissenschaft beschäftigt. "Autorinnen und Autoren, die migrieren, kommen selten vollständig an, sie pendeln zwischen den Sprachen und Kulturen ihrer alten und neuen Heimat hin und her", so Heller. "Genau diese selbstübersetzerische Pendelbewegung macht das Phänomen Migration auch zu einem translationswissenschaftlich interessanten Gegenstand."