Große politische Veränderungen beeinflussen das Wohlbefinden von Beschäftigten

Arbeit in Zeiten des Brexits: Neue Studie zeigt Zusammenhänge zwischen makropolitischen Ereignissen und Wohlergehen von Beschäftigten auf

09.02.2022

Große gesellschaftliche und politische Umwälzungen wie beispielsweise der Brexit wirken sich auch auf das Wohlbefinden von Beschäftigten aus – allerdings nicht unbedingt so, wie man vielleicht erwarten würde. Forschende der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung, der Loughborough University sowie der Medical School Hamburg haben britische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu befragt, wie sie den Ausstieg Großbritanniens aus der EU bewerten. Die Studie ergab, dass sie den Brexit eher als bedrohlich und weniger als eine positive Herausforderung empfinden. "Dies wirkte sich wiederum auf die wahrgenommene Arbeitsplatzsicherheit sowie die Beziehungsqualität mit Kollegen und Kolleginnen aus", teilt Miriam Schilbach, Doktorandin bei Prof. Dr. Thomas Rigotti am Psychologischen Institut der JGU sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Resilienzforschung mit. Sie ist Erstautorin der Studie, die nun im European Journal of Work and Organizational Psychology veröffentlicht wurde.

Arbeitsplatzsicherheit und Beziehungsqualität zu Kolleginnen und Kollegen ist für Wohlergehen entscheidend

Bisher liegen nur wenige Untersuchungen vor, die sich mit den Auswirkungen von wichtigen politischen Ereignissen auf das persönliche Wohlergehen im Arbeitskontext beschäftigen. Das Forschungsteam hat den Brexit daher als eine Chance betrachtet, um eine stressige Situation untersuchen zu können, die alle Menschen in Großbritannien gleichermaßen betrifft. Das Team wandte sich an Beschäftigte britischer Universitäten und bat sie zu drei Zeitpunkten, einen Fragebogen zu beantworten: im September und Dezember 2019 sowie im Februar 2020 – also rund drei Jahre nach dem Brexit-Referendum, aber noch vor dem endgültigen Ausscheiden aus der EU. 115 Probanden waren bis zum Schluss dabei und nahmen an allen drei Umfragen teil. Das Durchschnittsalter betrug knapp 44 Jahre, rund 37 Prozent waren Frauen. Sie sollten beispielsweise Aussagen bewerten wie "Während der letzten 3 Monate fühlte ich mich emotional ausgelaugt" oder "Ich muss auch zu Hause an Schwierigkeiten bei der Arbeit denken".

"Wir sind bei unserer Untersuchung davon ausgegangen, dass sowohl die Arbeitsplatzsicherheit als auch die Zugehörigkeit beziehungsweise die Qualität der Beziehung zu den Arbeitskolleginnen und -kollegen fundamentale menschliche Bedürfnisse sind und eng mit dem persönlichen Wohlergehen zusammenhängen", erklärt Miriam Schilbach die Ausgangslage der Untersuchung. Angesichts der wachsenden Unsicherheit etwa aufgrund von wirtschaftlicher Instabilität oder zunehmender Globalisierung sei es besonders wichtig, die Mechanismen besser zu verstehen, die von Großereignissen auf das individuelle Befinden ausgehen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer werden, so die Erwartungen, auch in Zukunft davon betroffen sein.

Hinzu kommt für die Autorengruppe noch die Frage, ob die individuelle Einschätzung eines solchen Ereignisses der sozialen Norm entspricht oder davon abweicht – das heißt, ob jemand im Einklang mit der Mehrheitsgesellschaft das Geschehen als bedrohlich oder als Herausforderung erlebt. "Wir stellen mit dieser Frage eine vorherrschende und weithin akzeptierte Ansicht auf den Prüfstand, nämlich dass die Beurteilung einer Situation als eine Herausforderung generell zu positiven und die Beurteilung als eine Bedrohung generell zu negativen Ergebnissen führt", so Schilbach. Die Überlegungen sind nicht nur im Hinblick auf den Brexit relevant. Auch wenn sich die jetzige Studie darauf bezieht, gehen die Verantwortlichen davon aus, dass andere kontroverse Ereignisse ähnliche Effekte haben, zum Beispiel eine umstrittene Fusion von Unternehmen.

Gemeinsam erlebte Stresssituationen können zusammenschweißen

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Akademikerinnen und Akademiker in dieser Stichprobe den Brexit überwiegend als Bedrohung und weniger als eine Herausforderung bewerten. "Die Einschätzung als Bedrohung geht erwartungsgemäß mit einer größeren Unsicherheit über den eigenen Arbeitsplatz einher, aber auch mit einer besseren Beziehung zu den Arbeitskollegen", sagt Schilbach. Sie vermutet, dass die Beschäftigten eine solche Stresssituation als "unser Problem" betrachten und der gemeinschaftliche Austausch unter den Kolleginnen und Kollegen zusammenschweißt. Wird der Ausstieg Großbritanniens aus der EU als eine Herausforderung betrachtet, ergibt sich für diese kleinere Gruppe der Stichprobe das umgekehrte Szenario, somit eine schlechtere Beziehung zu den Kollegen – was wiederum das Wohlbefinden schmälert.

Nur wenige Studien haben bisher versucht, die Mechanismen zu identifizieren, die von einem politischen Ereignis auf das persönliche Wohlbefinden von Erwerbstätigen ausstrahlen. "Hier zeigen wir, wie wichtig es für die Befindlichkeit ist, ob die Betroffenen das Ereignis ähnlich bewerten oder nicht", fasst Schilbach zusammen.