Kulturnutzung in der Pandemie: Private Aktivitäten bieten keine Alternative zum Kulturbesuch

Kulturelle Teilhabe während der Coronakrise zeigt weiterhin soziale Ungleichheiten / Hoch gebildetes Kernpublikum der Kultureinrichtungen auch bei medialer Nutzung am aktivsten

30.06.2022

Die Corona-Pandemie hat in sämtliche Lebensbereiche hineingewirkt. Neben der Gastronomie war die Kultur derjenige Bereich, der als vermeintlich "nicht systemrelevant" sehr schnell von Beschränkungen und Aufführungsverboten betroffen war und erst recht spät wieder mit Auflagen geöffnet wurde. Wie deutlich der Einbruch ist, zeigt nun die Panelstudie "Kulturelle Bildung und Kulturpartizipation in Deutschland", die am Institut für Soziologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) durchgeführt wird. So sind gegenüber dem Vergleichsjahr 2018 viele außerhäusliche kulturelle Aktivitäten nahezu vollständig zum Erliegen gekommen und wurden auch nicht durch die Ausweitung privater Aktivitäten oder die Nutzung alternativer medialer Zugänge kompensiert. Allerdings zeigt sich ein sozialer Unterschied: Die besonders Kulturaffinen, die Vielbesucherinnen und -besucher im Jahr 2018, nutzten auch die medialen Angebote am stärksten, während sich Gelegenheitsnutzerinnen und Gelegenheitsnutzer in der Pandemie kulturell sehr stark zurückzogen.

Zeitvergleiche im Kulturverhalten auf Basis des ersten deutschen Kulturpanels

Bevölkerungsrepräsentative Daten zum Kulturverhalten sind insgesamt rar in Deutschland. Eine Ausnahme bildet die Studie "Kulturelle Bildung und Kulturpartizipation in Deutschland", welche im Jahr 2018 zunächst als einmalige Querschnittstudie gestartet ist, 2021 aber mit einer Folgebefragung erweitert wurde. Damit können nun biografische Veränderungen im Kulturverhalten auf der Individualebene nachvollzogen und auch allgemeine Trends analysiert werden. In der Basisstudie wurden 2.592 Personen ab 15 Jahren mit Wohnsitz in Deutschland befragt. 1.541 Personen, also rund 60 Prozent, konnten für die zweite Welle gewonnen werden. Zusätzlich wurde eine Auffrischungsstichprobe von 914 Personen erhoben. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen aus 183 Gemeinden in unterschiedlichen Regionen Deutschlands.

Die Interviews fanden in der ersten Umfragewelle durchgehend als Face-to-Face-Befragung statt, in der zweiten Welle musste pandemiebedingt auf ein Mixed-mode-Design aus Face-To-Face und Telefon umgeschwenkt werden. Die Umfrage wurde von April bis Dezember 2021 durchgeführt. Erhoben wurden die kulturellen Aktivitäten für einen festen Berichtszeitraum vor dem Interview, in den meisten Sparten waren dies die vergangenen zwölf Monate. Durchgängig bezieht sich das berichtete Kulturverhalten demnach auf die Zeit seit dem ersten Lockdown im öffentlichen Leben im März 2020. Je nach Befragungsdatum war aber der Berichtszeitraum unterschiedlich stark von Einschränkungen der öffentlichen Kulturangebote betroffen. In den Interviews stehen fünf kulturelle Sparten im Fokus: Musik, Literatur, Film, bildende Kunst und darstellende Kunst. In der zweiten Welle wurde ein Schwerpunkt auf digitale Aktivitäten gelegt. Zusätzlich wurden Videospiele als weitere Sparte untersucht.

Darstellende Kunst am stärksten betroffen

Trotz des allgemeinen Partizipationsrückgangs zeigen sich Unterschiede in den kulturellen Sparten. Am stärksten von pandemiebedingten Einschränkungen war die darstellende Kunst betroffen. Nur knapp 4 Prozent der Bevölkerung haben 2021 überhaupt eine Theateraufführung besucht, während es 2018 noch 34 Prozent waren. Das entspricht einem Rückgang von 90 Prozent in der Beteiligung. Vergleichsweise moderat fiel demgegenüber der Rückgang in den Museen aus, die von immerhin noch 30 Prozent der Bevölkerung wenigstens einmal im Jahr 2021 besucht wurden. Die Teilhabe hat sich hier um etwa die Hälfte gegenüber 2018 reduziert.

Wie das Forschungsteam um Prof. Dr. Gunnar Otte feststellt, lässt sich der Rückgang der Partizipation fast vollständig auf die Schließung von Kultureinrichtungen und das fehlende Angebot zurückführen. Spartenspezifische Unterschiede beruhen vor allem auf einrichtungsbezogenen Gegebenheiten. Museen öffneten während der Pandemie wieder früher als Theater und Konzerthäuser, weil sich Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen leichter umsetzen und Öffnungszeiten flexibler anpassen ließen. Im Vergleich zur reduzierten Angebotsstruktur spielt die individuelle Zurückhaltung kaum eine Rolle: Ein größeres Vulnerabilitätsrisiko, etwa infolge von höherem Alter oder schlechter Gesundheit, sowie Angst, sich oder andere zu infizieren, hatten nur einen minimalen Effekt.

Auch unter Normalbedingungen nutzt nur eine Minderheit der Bevölkerung das kulturelle Angebot. In vielen Sparten ist ein einziger Besuch pro Jahr der Normalfall. Diese Kulturnutzung unterscheidet sich erheblich nach soziodemografischen Merkmalen, etwa nach Bildung, Einkommen oder Alter. "Hinsichtlich dieser sozialen Unterschiede hat die pandemiebedingte Reduktion des Angebots die Verhältnisse in gewisser Weise egalisiert", teilt Projektmitarbeiter Holger Lübbe dazu mit. "Grundunterschiede blieben aber auch 2021 bestehen." So findet zum Beispiel bei den Kunstmuseen nur eine leichte Annäherung zwischen den Bildungsgruppen statt. Eine größere Annäherung erfolgte bei Konzerten, da die Höhergebildeten ihre Besuche von klassischen Konzerten und Opern während der Pandemie stärker als alle anderen reduzierten.

Klassische soziale Ungleichheiten auch bei der medialen Kulturnutzung feststellbar

In der Pandemie haben viele Institutionen ad hoc ein mediales Angebot, wie Live-Übertragungen von Theaterstücken oder virtuelle Museumsrundgänge, auf die Beine gestellt, um einen Ersatz für Präsenzbesuche zu schaffen. Grundsätzlich verbindet sich mit medialen Zugängen die Hoffnung, dass institutionelle Zutrittsbarrieren zu Kultur gesenkt und größere Personenkreise für Kultur gewonnen werden können. Wie die Studie zeigt, ist dies mitnichten der Fall. Nur ein Bruchteil der Bevölkerung, nämlich weniger als 13 Prozent, nutzt überhaupt alternative Zugänge über Medien, insbesondere im Bereich der Hochkultur. Über alle Sparten hinweg – sei es Theater, Konzerte oder Museen – ist es vor allem das klassische Medium Fernsehen, das mit großem Abstand vor anderen Medien als wichtigster Zugang genannt wird. Onlinemedien, wie Webseiten von Kultureinrichtungen, spielen bisher lediglich bei Museen eine ernst zu nehmende Rolle als Alternative zum Besuch vor Ort. Wie Studienleiter Gunnar Otte betont, zeigen sich bei der medialen Beteiligung ähnliche Muster wie bei physischen Besuchen: Es ist das hoch gebildete Kernpublikum der Kultureinrichtungen, das während der Pandemie auch medial am aktivsten war. Gelegenheitsbesucher und Nichtbesucher sind dagegen auch medial kaum vertreten. Dies spricht gegen die Annahme einer Kompensation des Präsenzbetriebes durch mediale Kulturangebote. Vielmehr setzten sich klassische soziale Ungleichheiten auch bei der medialen Kulturnutzung fort.

Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung

Die Panelstudie "Kulturelle Bildung und Kulturpartizipation in Deutschland" wird im Zeitraum von 2016 bis 2023 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziell unterstützt und im Rahmen der Forschungsrichtlinie zur kulturellen Bildung gefördert. Die computergestützten persönlichen Interviews führte das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft im Auftrag der Johannes Gutenberg-Universität Mainz durch.